Das 1990 entstandene Gedicht beschreibt am Anfang noch eine recht alltägliche Szene: Ein Schornsteinfeger balanciert – das wirkt zunächst nicht besonders ungewöhnlich. Doch im Verlauf wird diese Szene immer weiter zugespitzt.
Das Spiel des Gedichts besteht vor allem darin, mit den Erwartungen der Leser:innen zu spielen. Es nutzt sogenannte Enjambements – also Zeilensprünge, bei denen ein Satz nicht am Ende des Verses endet, sondern erst im nächsten Vers weitergeführt und aufgelöst wird. Dabei täuschen die Verse oft einen Abschluss vor, aber der folgende Vers bringt dann doch noch eine überraschende Wendung oder Zuspitzung.
So entsteht ein Bild, das sich immer weiter steigert: Die Situation wird immer wackeliger, der Balanceakt immer riskanter und unwahrscheinlicher. Dabei balanciert nicht nur der Schornsteinfeger – auch die Leser:innen „balancieren“ beim Lesen von Vers zu Vers, weil sie nie sicher sein können, wie es weitergeht oder ob das bisher Gelesene Bestand hat.
Die größte Überraschung kommt beim Übergang vom fünften zum sechsten Vers. Das Wort „dort“ am Ende des fünften Verses wirkt wie der Abschluss der Beschreibung – man erwartet eine Auflösung. Doch diese Erwartung wird gebrochen: Plötzlich tritt ein „Ich“ in den Text, das sich als mächtiges lyrisches Subjekt zeigt – als jemand, der die Welt des Gedichts selbst erschafft.
Damit wird das Gedicht auch zu einem poetologischen Gedicht, also einem Text über das Dichten selbst und das Verhältnis zwischen Dichter und Gedicht. Während der Schornsteinfeger der Situation ausgeliefert ist, wirkt das lyrische Ich stark und kontrollierend. Es entscheidet bewusst, die Spannung nicht aufzulösen – und hält so auch die Leser:innen in einer unsicheren Position. Am Ende macht das lyrische Ich seine Macht sogar deutlich spürbar: Indem es sagt „da seht ihr / alt aus“, zeigt es den Leser:innen ganz direkt, dass sie dem Spiel des Textes ausgeliefert sind.
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