Gedicht „Der Schornsteinfeger“

Schwellen & Grenzen

Exponatentyp
Literatur
Datum
1990
Dauer
00:11 min

Gedicht „Der Schornsteinfeger“

Schwellen & Grenzen

„Der Schornsteinfeger“ ist ein Gedicht von Lutz Funk (*1958). Es entsteht 1990 und wird noch im selben Jahr in der ersten Anthologie der Jenaer Autorengruppe veröffentlicht. Das Buch entsteht durch die eigenständige Arbeit der Schreibgruppe: Sie tippt ihre Texte auf Schreibmaschinen, kopiert die Seiten und bindet die Bücher selbst.

Lutz Funk ist seit den 1980er Jahren Mitglied des Zirkels Schreibender Arbeiter am VEB Carl Zeiss Jena. Der Zirkel löst sich unter Funks Beisein Anfang 1990 auf und wird als Jenaer Autorengruppe neu gegründet. Das Gedicht „Der Schornsteinfeger“ steht exemplarisch dafür, wie viele Schreibende, vor allem Laienschreibende, Literatur nach 1990 noch einmal neu entdeckten und vielfach spielerischer mit Sprache experimentierten.

Lutz Funk, „Der Schornsteinfeger“

Lutz Funk, „Der Schornsteinfeger“, in: Autoren im Volkshaus Jena, 1990

Zoom

Allgemeine Informationen

Titel: Der Schornsteinfeger

Medienart: Gedicht

Autor: Lutz Funk

Jahr: 1990

Gesamtumfang: 1 Seite

Verlag: Selbstverlag

Empfohlene Zitierweise: Lutz Funk: Der Schornsteinfeger. In: Autoren im Volkshaus Jena. Jena, Selbstverlag 1990. S. 5. Abgerufen unter: https://dut-ausstellung.de/source/gedicht-der-schornsteinfeger/.

Quelle in der digitalen Sammlung der Thulb

Transkript

Lutz Funk

Der Schornsteinfeger

Der Schornsteinfeger balanciert
seine Leiter auf den Böden
zweier Weinflaschen am Dachrand
dann steigt er hoch
bis zur vorletzten Sprosse dort
laß’ ich ihn zehn Jahre stehen
da seht ihr
alt aus.

Interpretationsvorschläge

Das 1990 entstandene Gedicht beschreibt am Anfang noch eine recht alltägliche Szene: Ein Schornsteinfeger balanciert – das wirkt zunächst nicht besonders ungewöhnlich. Doch im Verlauf wird diese Szene immer weiter zugespitzt.

Das Spiel des Gedichts besteht vor allem darin, mit den Erwartungen der Leser:innen zu spielen. Es nutzt sogenannte Enjambements – also Zeilensprünge, bei denen ein Satz nicht am Ende des Verses endet, sondern erst im nächsten Vers weitergeführt und aufgelöst wird. Dabei täuschen die Verse oft einen Abschluss vor, aber der folgende Vers bringt dann doch noch eine überraschende Wendung oder Zuspitzung.

So entsteht ein Bild, das sich immer weiter steigert: Die Situation wird immer wackeliger, der Balanceakt immer riskanter und unwahrscheinlicher. Dabei balanciert nicht nur der Schornsteinfeger – auch die Leser:innen „balancieren“ beim Lesen von Vers zu Vers, weil sie nie sicher sein können, wie es weitergeht oder ob das bisher Gelesene Bestand hat.

Die größte Überraschung kommt beim Übergang vom fünften zum sechsten Vers. Das Wort „dort“ am Ende des fünften Verses wirkt wie der Abschluss der Beschreibung – man erwartet eine Auflösung. Doch diese Erwartung wird gebrochen: Plötzlich tritt ein „Ich“ in den Text, das sich als mächtiges lyrisches Subjekt zeigt – als jemand, der die Welt des Gedichts selbst erschafft.

Damit wird das Gedicht auch zu einem poetologischen Gedicht, also einem Text über das Dichten selbst und das Verhältnis zwischen Dichter und Gedicht. Während der Schornsteinfeger der Situation ausgeliefert ist, wirkt das lyrische Ich stark und kontrollierend. Es entscheidet bewusst, die Spannung nicht aufzulösen – und hält so auch die Leser:innen in einer unsicheren Position. Am Ende macht das lyrische Ich seine Macht sogar deutlich spürbar: Indem es sagt „da seht ihr / alt aus“, zeigt es den Leser:innen ganz direkt, dass sie dem Spiel des Textes ausgeliefert sind.

Weitere Ausstellungskategorien

Kultur Träume & Albträume

Quellenkritik

Lutz Funk, der Autor von „Der Schornsteinfeger“, versteht seinen Text als ein „theoretisches Gedicht“, mit dem er ausprobieren wollte, was Lyrik überhaupt leisten kann. Inspiriert war er dabei von den Gedichten Sarah Kirschs, die oft doppeldeutig von eher ungewöhnlichen Bildern geprägt sind und häufig mit Wort- und Zeilenbrüchen arbeiten.  Das Gedicht zeigt, wie viele Menschen – besonders ehemalige Mitglieder der Zirkel Schreibender Arbeiter, die nicht beruflich schrieben – nach 1990 die Literatur neu für sich entdeckten und dabei oft spielerisch mit Sprache umgingen.