Schreibaufruf: Ihre Bildungsgeschichte!
Meine Bildungsgeschichte
Zur 3. Klasse wechselte ich an eine Polytechnische Oberschule in meiner Heimatstadt in eine Klasse mit erweitertem Russischunterricht – üblicherweise begann der Russischunterricht mit der 5. Klasse. In kleinen Gruppen zu ca. 10 Kindern genoss ich wöchentlich sieben Wochenstunden im Fach Russische Sprache. Bewusst benutze ich das Wort genießen, denn bis heute spreche und lese ich die russische Sprache sehr gern. Diese Liebe kommt gewiss auch daher, dass mein Vater Russischlehrer war. In meinem Elternhaus gab es nie eine Politisierung der russischen Sprache, diese schöne slawische Sprache wurde immer getrennt von der Politik der Sowjetunion und der DDR betrachtet. Bis heute jedoch erfahre ich immer wieder eine Ablehnung dieser Sprache, weil sie in Zusammenhang mit eben jener Politik gebracht wird.
Die beiden Klassen pro Jahrgang mit erweitertem Russisch-unterricht waren ein Sammelbecken leistungsbereiter und -fähiger Schüler aus der ganzen Stadt. Sie wurden aus allen 2. Klassen der Weimarer Schulen ausgesucht. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass das Leistungsvermögen unserer „Russischklassen“ deutlich über dem Durchschnitt unserer Parallelklassen, der so-genannten „Normalklassen“ lag. Nach der 8. Klasse kam daher auch die Hälfte der Schülerschaft jeder Russischklasse zur Erweiterten Oberschule, während aus den „Normalklassen“ nur wenige Schülerinnen und Schüler den Weg zum Abitur weitergingen.
Auf dem Jahresendzeugnis der 3. Klasse wurde mir bescheinigt: „Sie ordnete sich diszipliniert in das neue Klassenkollektiv ein.“ Und: „[Sie] ist ein aufgeschlossener, bewußter Pionier.“ (Jahresendzeugnis 3. Klasse) In der 5. Klasse notierte die Klassenlehrerin dann allerdings, dass es mir schwerfiele, mich „dem Klassenkollektiv unterzuordnen“. (Jahresendzeugnis 5. Klasse) Bis dahin standen auf allen meinen Zeugnissen sowohl in den Fächern als auch bei den sogenannten Kopfnoten (Gesamtverhalten, Betragen, Ordnung, Fleiß, Mitarbeit) ganz überwiegend die Note Eins. Meine erste „Drei“ bekam ich im Halbjahr der 6. Klasse im Fach Zeichnen.
Die gleiche Klassenlehrerin bescheinigte mir am Ende der 7. Klasse, dass ich „zu den besten Schülern der Klasse“ gehörte und ein „parteiliches Auseinandersetzen mit dem jeweiligen Stoff“ (Jahresendzeugnis 7. Klasse) an den Tag legte – in der 7. Klasse war zum Fächerkanon das Fach Staatsbürgerkunde hinzugekommen, in dem ich bis zur 10. Klasse immer eine Eins hatte.
Dass ich in der 8. Klasse als einzige Schülerin der ganzen Schule nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte, findet keine Erwähnung auf meinem Zeugnis. Vielmehr heißt es dort: „[Sie] verfügt über eine breit gefächerte Allgemeinbildung und ein fest fundiertes Spezialwissen. Sie ist allseitig interessiert und informiert und bereichert durch ihre aktive Mitarbeit den Unterricht. Von allen Schülern der Klasse erreichte sie das beste Ergebnis. Besonderes Lob verdient [sie] für ihre ausgezeichneten Ergebnisse bei der Russisch-Olympiade und ihre Aktivität bei kulturellen Veranstaltungen, in denen sie besonders aktiv mitwirkte.“
Mit der 8. Klasse gab es einen Bruch in meiner Schullaufbahn. Der Direktor der Schule (Mitglied der LDPD) teilte mir mündlich mit, dass die Lehrerkonferenz meine Weiterleitung zur Erweiterten Oberschule abgelehnt hatte. In meinem Gedächtnis ist dieser Satz geblieben: Junge Menschen wie Sie gehören nicht zur Elite der sozialistischen Gesellschaft. Aber wir freuen uns, Sie als leistungsstarke Schülerin an unserer Schule zu behalten. Meine Eltern erhielten keinen schriftlichen, sondern nur einen mündlichen Bescheid. Einsprüche meiner Eltern mit Hinweis auf meine sehr guten schulischen Leistungen fruchteten nichts. Mein Jahresendzeugnis der 8. Klasse weist nur Einsen auf – auch im ungeliebten Fach Zeichnen.
Meinen Eltern (beide Lehrer) war bewusst, dass es wegen meiner Ablehnung der Teilnahme an der Jugendweihe wohl zu Schwierigkeiten mit einer Zulassung zur Erweiterten Oberschule und damit dem Erreichen des Abiturs kommen könnte. Deshalb galt für mich immer die Maxime aus dem Mund meiner Eltern: Du musst die Beste sein. Auch wenn ich es als Kind nicht wahrgenommen hatte – meine Eltern wussten um die Brisanz der Entscheidung, ihre Kinder nicht zur Jugendweihe gehen zu lassen (das betraf auch meinen Bruder). Meinen Eltern war immer klar, dass ich unter den personellen Gegebenheiten der offiziellen Entscheidungsträger (Schulleitung, Stadtschulrat) überhaupt nur dann eine Chance auf einen höheren Bildungsabschluss haben könnte, wenn ich hervorragende Zeugnisse brachte. All die Preise und Auszeichnungen und Urkunden und Reisen in die Sowjetunion änderten nichts an der Tatsache, dass meine Schullaufbahn mit der 10. Klasse zu Ende war.
Da meine Mutter als Fachlehrerin für Klinische Chemie und Histologie an einer Medizinischen Fachschule arbeitete, gelang es ihr, ihre Beziehungen spielen zu lassen. Sie besprach sich mit dem Leitenden Chemiker des Zentrallabors des Kreiskranken-hauses und erreichte, dass dieses Labor als sogenannte delegierende Einrichtung fungierte, damit ich ein Fachschulstudium zur Medizinisch-technischen Laborassistentin (1979–1982) absolvieren konnte.
Mit der Enttäuschung aus dem Bruch meiner Schullaufbahn an der Polytechnischen Oberschule kam für mich eine noch stärkere Hinwendung zur Kirchengemeinde. Viele, viele Wochenenden verbrachte ich im Jugendhaus St. Sebastian in Erfurt. Dort nahmen sich an den Wochenenden auch Professoren wie Franz-Peter Sonntag, Heinz Schürmann, Joseph Reindl und in besonderer Weise Konrad Feiereis unser an und machten uns fit für ein Leben im real existierenden Sozialismus. Die Feiereis-Wochenenden waren immer überfüllt. Der international geachtete Philosophieprofessor hörte uns zu und diskutierte mit uns. Im Gegensatz zu unseren Erfahrungen in der Schule ließ er nicht nur alle Meinungsäußerungen, sondern auch alle Gegenreden zu. Er zeigte uns die Tücken der alltäglichen kommunistischen Propaganda auf und lehrte uns angstfreies Debattieren und fundiertes Argumentieren.
1986 haben wir geheiratet. 1988 kam das erste Kind, 1989 das zweite, 1990 das dritte. Uns war klar, dass mein Mann seine Karriere weiterverfolgen und ich mich neben einer nun zeitlich eingeschränkten Berufstätigkeit um die Familienarbeit kümmern würde. Die Bildungslaufbahn meines Mannes verlief ganz anders als meine: Auch er ging zwar nicht zur Jugendweihe. Aber als Kind eines Reichsbahners war er in den Stand eines Arbeiterkindes eingruppiert worden – ich war als Lehrerkind ein sogenanntes Intelligenzkind. Mein Mann durfte in seiner Heimatstadt bis zur 12. Klasse zur Schule gehen und das Abitur ablegen. Obwohl er nur den 18-monatigen Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee ableistete und sich nicht als Reserveoffizier verpflichtete, durfte er ein Lehrerstudium in den Fächern Deutsche Sprache und Musik absolvieren. Er ist heute Schulleiter eines staatlichen Spezialgymnasiums.
Mit der deutschen Einheit fiel aber auch eine Anspannung von mir ab, die mein Leben bis dahin bestimmt hatte. Immer aufpassen, immer aufmerksam sein, nichts falschmachen, nichts Verkehrtes sagen – denn selbst ein falsches Wort auch von mir hätte die beginnende Lehrerlaufbahn meines Mannes in Gefahr bringen können. 1990 war ich 27 Jahre alt. Von außen betrachtet wäre das ein Alter gewesen, in dem ich noch eine akademische Laufbahn hätte starten können. Dazu jedoch fehlte mir die Kraft. Die über 13 Jahre andauernden, anstrengenden und zum großen Teil verlorenen Kämpfe um meine Bildung hatten mich zermürbt. Außerdem war ich inzwischen Mutter von drei Kindern.
Aus der bitteren Erfahrung meiner gebrochenen Bildungsbiographie, aber auch aus dem Erleben, dass die deutsche Einheit im Jahr 1990 für unsere Kinder gerade noch rechtzeitig kam, folgere ich: die Möglichkeiten zur Entfaltung der Persönlichkeit junger Menschen, die für alle offenen Bildungswege, die Förderung von Talenten und speziellen Begabungen brauchen neben einem liebevoll-leidenschaftlichen Elternhaus und engagierten Lehrkräften vor allem dies: Freiheit und Demokratie.
- Oktober 2020
Für die digitale Ausstellung wurde diese Bildungsgeschichte gekürzt.