Schreibaufruf: Ihre Bildungsgeschichte!
Meine Bildungsgeschichte
Ich bin in Nordthüringen geboren worden, dort auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. 1976 kam ich in die POS, wurde aber auf Entscheidung meiner Eltern kein Jungpionier. Das führte schließlich dazu, dass mein Wunsch, an der Musikschule Klarinette zu lernen, abschlägig beschieden wurde. Meine Klassenlehrerin, treu der Partei und gegen die Kirche, hatte mir mit ihrer Nichtempfehlung die Chance genommen. In der 4. Klasse wurde ich dann an einem Samstag, quasi während der Unterrichtszeit – ohne irgendeine vorherige Rücksprache – einfach in die Thälmannpioniere aufgenommen. In der 5./6. Klasse gab es öfter auch Hänseleien von Mitschülern, wobei ich dann in verschiedenen Lehrern aber immer Unterstützung hatte.
Seit der 5. Klasse wurden wir regelmäßig nach unseren Berufswünschen gefragt. Bei mir war Lehrer immer an erster Stelle, die denkbaren Fächer variierten und waren Deutsch, Russisch, Geografie und Geschichte – sicher auch beeinflusst vom Beispiel meiner Patentante, die Lehrerin war (und auch Pfarrgemeinderatsvorsitzende). In den frühen Jugendjahren konnte ich mir auch vorstellen, Priester zu werden (was ich aber nie in der Schule angab). Mit zunehmendem Alter aber und der Aussicht, dann nicht heiraten zu können, ließ dieser Wunsch nach.
An der Jugendweihe habe ich nicht teilgenommen, aus eigener Entscheidung und mit Unterstützung meiner Eltern – auch als ich beim Direktor antreten musste. In meiner Klasse war ich damit allein und auch aus unserer damals ca. 20-köpfigen Religionsunterrichtsgruppe in der Pfarrei waren wir gerade einmal zu dritt mit diesem Schritt.
Ich war ein sehr guter Schüler, wenn man Sport und Zeichnen einmal ausnimmt, und so wollte ich auch an die EOS, Abitur machen und studieren, wie es ja für den Lehrerberuf nötig war. Als es in der 9. Klasse um die Bewerbungen für die Oberschule ging, musste mir meine Klassenlehrerin, die mich immer unterstützte, dann mitteilen, dass ich mich mit dem Berufswunsch Lehrer nicht zu bewerben bräuchte: schließlich war ich nicht zur Jugendweihe und ich könnte ja später als Klassenlehrer Schüler dazu bewegen müssen. Also wälzten wir den nicht allzu umfangreichen Katalog der Studienmöglichkeiten in der DDR und ich bewarb mich mit dem Wunsch, Geografie im Diplomstudiengang studieren zu wollen. Um sicher zu gehen, ließ ich mich als Kompromiss auf eine Verpflichtung zum 3-jährigen Armeedienst in der NVA ein. An der EOS wurde ich damit auch angenommen.
Zwei Jahre später, in der 11. Klasse, mussten wir uns schon für das Studium bewerben. Da es für Geografie jährlich republikweit nur 15 Studienplätze gab (an der Martin-Luther-Universität in Halle), sollte ich unbedingt noch einen zweiten Studienwunsch angeben. Da fiel mir wieder der Wunsch ein, Lehrer zu werden. Meine jetzige Klassenlehrerin meinte, dass sie sich das gut vorstellen könnte. Und nun war es scheinbar kein Problem. Aber ich bekam die Zusage für ein Geografie-Studium in Halle.
So ging ich nach dem Abitur zur Armee. Dort erlebte ich schließlich auch die Wendezeit und damit gar nicht so viel davon.
Zum Glück mussten wir in der heißen Phase des Herbst 1989 nie als Truppe ausrücken. 1990 konnte ich mich dann zunächst heimatnah versetzen lassen und schließlich im Sommer den Armeedienst vorzeitig beenden. Eine Studienzusage hatte ich inzwischen in der Tasche.
So richtig glücklich wurde ich dann mit dem Studium aber nicht. Die vielen Umbrüche und Unklarheiten an der Uni, die unbefriedigende Wohnsituation im Wohnheim beförderten das Studieren nicht gerade. Da konnte auch ein Praktikum im neuen Umwelt- und Planungsamt meiner Heimatstadt nichts ändern.
So suchte ich nach Neuorientierung. Ein Kurs „Exerzitien im Alltag für junge Erwachsene“ weckte schließlich die alte Liebe zur Theologie und dem Dienst in der Verkündigung neu. Gute Vorbilder hatte ich in meiner Heimatgemeinde erlebt: Kapläne, Diakon, Seelsorgehelferin und Katecheten. Nun gab es auch vielmehr Möglichkeiten, und so begann ich die Ausbildung zum Gemeindereferenten im „Seminar für Gemeindepastoral“ in Magdeburg. Seit über 25 Jahren bin ich nun in diesem Dienst in den Bistümern Magdeburg, Erfurt und Limburg.
Ich bin froh, nicht als erwachsener Berufstätiger in der DDR leben zu müssen, das hätte viele Probleme mit sich bringen können. Wahrscheinlich wäre ich auch heute nicht in einem Beruf tätig, bei dem ich meine Interessen zur täglichen Arbeit machen konnte. Andererseits bin ich für die gemachten Erfahrungen auch dankbar. Ich habe gelernt, dass das Leben aus Entscheidungen besteht und manches nicht selbstverständlich ist. Und das Schulsystem (abzüglich des politischen Einflusses) war nicht schlecht, ich habe dadurch eine gute Allgemeinbildung bekommen.
Schule und Privatleben (und damit auch das in der Kirchengemeinde) waren aber zwei getrennte Bereiche. Auch wenn ich gerade in den höheren Schuljahren mit meinen Mitschülern ein gutes Verhältnis hatte – Freunde waren für mich immer die aus der Kirchengemeinde. Dort war ich 2–3 Mal pro Woche zu Religionsunterricht, Messdienern und später Jugendarbeit und dort habe ich meine Verabredungen für die Freizeit gemacht. In der Schule beteiligte ich mich an dem, was eben nötig war. Das erlebe ich heute bei Kindern und Jugendlichen ganz anders – da hat es oft die Kirche mit ihren Angeboten schwer, neben der Schule zu bestehen.
26. Oktober 2020