Arbeitsplan des Zirkels Schreibender Arbeiter Jena (1988/89)

Kultur

Exponatentyp
Dokument/Akte
Datum
September 1988
Dauer
02:45 min

Arbeitsplan des Zirkels Schreibender Arbeiter Jena (1988/89)

Kultur

1987 übernimmt ein neuer Leiter den Zirkel Schreibender Arbeiter des VEB Carl Zeiss Jena. Unter seiner Federführung entsteht der Arbeitsplan für die Jahre 1988/89. Das Dokument gibt einen Einblick in die strukturelle und ideologische Neuausrichtung des Zirkels zu dieser Zeit. Sichtbar wird, wie sich die Gruppe Ende der 1980er Jahre vorsichtig von den kulturpolitischen Erwartungen des Staates und dem ideologischen Rahmen der Bewegung Schreibender Arbeiter löst.

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„Schreibende Arbeiter“ im VEB Carl Zeiss Jena: Arbeitsplan 1988/89

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„Schreibende Arbeiter“
im VEB Carl Zeiss Jena

ARBEITSPLAN 1988/89

Nach dem erfolgten Generationswechsel unter den Mitgliedern und beim Leiter des Zirkels und der damit verbundenen Besonderheiten der Arbeit in einer Übergangsperiode sind wir bestrebt, die eigenschöpferische literarische Tätigkeit einerseits auf bewährtem Wege weiterzuführen, als auch andererseits nach neuen Ansätzen zur Profilierung der künstlerischen und fachlichen Tätigkeit sowie der öffentlichen Wirksamkeit zu suchen.

Mit unseren Vorhaben wollen wir zu einer weiteren Ausprägung des Charakters einer sinnvollen Freizeitgestaltung bei der Mitarbeit im Zirkel beitragen, als auch die Arbeitsergebnisse wieder stärker in den öffentlichen Diskurs des Kombinats und des Territoriums einbringen, um rückwirkend in konstruktiv-kritischer Auseinandersetzung mit dem Publikum unersetzbare Erfahrungen für die eigene künstlerische Arbeit zu sammeln.

Der hier vorliegende Arbeitsplan wurde unter den Mitgliedern des Zirkels in demokratischer Ansprache diskutiert und wird unter deren aktiver Mitgestaltung verwirklicht.

  1. Allgemeine Grundsätze der Zirkelarbeit

Im Mittelpunkt der Zirkeltätigkeit steht weiterhin die intensive Diskussion eingereichter Texte der Mitglieder. Dazu wird das bewährte System der vierzehntäglichen Werkstattabende zur Arbeit an den Texten beibehalten. Zum kulturellen Klima im Zirkel gehört, daß sich die Mitglieder gegenseitig je nach aktuellem Angebot über interessante Neuerscheinungen der DDR- und Weltliteratur informieren. Außerdem weisen sich die Zirkelmitglieder auf das Angebot an literarisch-künstlerischen Ereignissen im Territorium hin und nehmen je nach Möglichkeit am kulturellen Leben der Stadt teil. Den Mitgliedern ist grundsätzlich die Möglichkeit gegeben, als Textautoren für Programme des Kabaretts „Zeissig“ sowie bei Projekten des AFC aufzutreten.

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„Schreibende Arbeiter“ im VEB Carl Zeiss Jena: Arbeitsplan 1988/89, S. 2

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Mit aktiver Unterstützung des Koll. [geschwärzt] („Der Scheinwerfer“) dokumentiert der Zirkel seine Arbeit in Einzelleistungen seiner Mitglieder durch Veröffentlichungen in der Kombinatspresse entsprechend des aktuellen Angebots an Texten sowie der drucktechnischen Möglichkeiten. Der Zirkel hält die Verbindung zu seinen aus Altersgründen ausgeschiedenen ehemaligen Mitgliedern aufrecht. Dazu werden die Veteranen zu öffentlichen Veranstaltungen des Zirkels eingeladen, und es werden ihnen Glückwünsche zu Persönlichen Jubiläen und Informationen aus dem Zirkelleben überbracht.

  1. Zusätzliche Vorhaben im Rahmen der literarisch-künstlerischen Weiterbildung
  • Der Zirkelleiter referiert je nach vorhandenem Angebot anhand von neuen Veröffentlichungen über aktuelle Entwicklungen in der internationalen Literaturwissenschaft, -theorie und -kritik.
    Verantwortlich: Künstlerischer Leiter
  • Der Zirkel gewinnt Fachkräfte als Referenten für Vorträge zu literaturwissenschaftlichen Spezialthemen, z.B. zur Dokumentarliteratur und zur Frauenliteratur
    Verantwortlich: Künstlerischer Leiter
  • Der Zirkelleiter bietet einen Informationsvortrag aus seinem beruflichen Fachgebiet über Tendenzen der englischen Gegenwartslyrik an.
    Verantwortlich: Künstlerischer Leiter
  • Unser Zirkelmitglied [geschwärzt] bietet einen literaturtheoretischen Vortrag zum Thema „Poetik“ an.
    Verantwortlich: [geschwärzt]
  1. Arbeit an der geplanten IV. Anthologie des Zirkels

Der Zirkel erarbeitet eine erste, vorläufige Konzeption zum Arbeitsthema „Bilder und Texte“ nach Sichtung der vorliegenden potentiellen Texte sowie voraussichtlich in Zusammen-

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„Schreibende Arbeiter“ im VEB Carl Zeiss Jena: Arbeitsplan 1988/89, S. 3

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arbeit mit dem FOTOKLUB JENA ’78 und dessen fotografisch-künstlerischen Angebots.
Verantwortlich: Künstlerischer Leiter/ [geschwärzt] (für Zusammenarbeit mit Fotoklub)

  1. Öffentlichkeitsarbeit

Der Zirkel organisiert zwei Leseabende für das Publikum im Kombinat und im Territorium, zu denen neu entstandene Texte aus der Arbeit an dem geplanten Anthologieprojekt in ansprechender kulturvoller Atmosphäre vorgestellt werden. Als Termine sind das Umfeld des 100. Jahrestags der Bildung der Carl Zeiss Stiftung sowie die Betriebsfestspiele 1989 vorgesehen.
Verantwortlich: Künstlerischer Leiter/ [geschwärzt]

  1. Titelkampf

Mit den bereits vorliegenden Arbeitsergebnissen und Leistungen aus den Arbeitsjahren 1986/87 und 1987/88 sowie den geplanten Vorhaben für 1988/89 wird der Zirkel 1990 termingerecht den Titel „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ zum achten Male verteidigen und sich gleichzeitig damit um den Titel „Kollektiv der DSF“ bewerben.

Jena, im September 1988

[geschwärzt]
(Künstlerischer Leiter)

Allgemeine Informationen

Titel: Arbeitsplan 1988/89

Medienart: Dokument

Autor: Zirkel Schreibender Arbeiter des VEB Carl Zeiss Jena

Jahr: 1988

Gesamtumfang: 3 Seiten

Besitzende Einrichtung: SchreibArt e. V. Archiv Schreibende ArbeiterInnen

Empfohlene Zitierweise: Zirkel Schreibender Arbeiter des VEB Carl Zeiss Jena: Arbeitsplan 1988/89. Jena 1988. In: Archiv Schreibende ArbeiterInnen, VEB Carl Zeiss Jena, K J01 Z01 M04. Abgerufen unter: https://dut-ausstellung.de/source/arbeitsplan-des-zirkels-schreibender-arbeiter-jena-1988-89/.

Quelle in der digitalen Sammlung der Thulb

Transkript

„Schreibende Arbeiter“
im VEB Carl Zeiss Jena

ARBEITSPLAN 1988/89

Nach dem erfolgten Generationswechsel unter den Mitgliedern und beim Leiter des Zirkels und der damit verbundenen Besonderheiten der Arbeit in einer Übergangsperiode sind wir bestrebt, die eigenschöpferische literarische Tätigkeit einerseits auf bewährtem Wege weiterzuführen, als auch andererseits nach neuen Ansätzen zur Profilierung der künstlerischen und fachlichen Tätigkeit sowie der öffentlichen Wirksamkeit zu suchen.

Mit unseren Vorhaben wollen wir zu einer weiteren Ausprägung des Charakters einer sinnvollen Freizeitgestaltung bei der Mitarbeit im Zirkel beitragen, als auch die Arbeitsergebnisse wieder stärker in den öffentlichen Diskurs des Kombinats und des Territoriums einbringen, um rückwirkend in konstruktiv-kritischer Auseinandersetzung mit dem Publikum unersetzbare Erfahrungen für die eigene künstlerische Arbeit zu sammeln.

Der hier vorliegende Arbeitsplan wurde unter den Mitgliedern des Zirkels in demokratischer Ansprache diskutiert und wird unter deren aktiver Mitgestaltung verwirklicht.

  1. Allgemeine Grundsätze der Zirkelarbeit

Im Mittelpunkt der Zirkeltätigkeit steht weiterhin die intensive Diskussion eingereichter Texte der Mitglieder. Dazu wird das bewährte System der vierzehntäglichen Werkstattabende zur Arbeit an den Texten beibehalten. Zum kulturellen Klima im Zirkel gehört, daß sich die Mitglieder gegenseitig je nach aktuellem Angebot über interessante Neuerscheinungen der DDR- und Weltliteratur informieren. Außerdem weisen sich die Zirkelmitglieder auf das Angebot an literarisch-künstlerischen Ereignissen im Territorium hin und nehmen je nach Möglichkeit am kulturellen Leben der Stadt teil. Den Mitgliedern ist grundsätzlich die Möglichkeit gegeben, als Textautoren für Programme des Kabaretts „Zeissig“ sowie bei Projekten des AFC aufzutreten.

Mit aktiver Unterstützung des Koll. [geschwärzt] („Der Scheinwerfer“) dokumentiert der Zirkel seine Arbeit in Einzelleistungen seiner Mitglieder durch Veröffentlichungen in der Kombinatspresse entsprechend des aktuellen Angebots an Texten sowie der drucktechnischen Möglichkeiten. Der Zirkel hält die Verbindung zu seinen aus Altersgründen ausgeschiedenen ehemaligen Mitgliedern aufrecht. Dazu werden die Veteranen zu öffentlichen Veranstaltungen des Zirkels eingeladen, und es werden ihnen Glückwünsche zu Persönlichen Jubiläen und Informationen aus dem Zirkelleben überbracht.

  1. Zusätzliche Vorhaben im Rahmen der literarisch-künstlerischen Weiterbildung
  • Der Zirkelleiter referiert je nach vorhandenem Angebot anhand von neuen Veröffentlichungen über aktuelle Entwicklungen in der internationalen Literaturwissenschaft, -theorie und -kritik.
    Verantwortlich: Künstlerischer Leiter
  • Der Zirkel gewinnt Fachkräfte als Referenten für Vorträge zu literaturwissenschaftlichen Spezialthemen, z.B. zur Dokumentarliteratur und zur Frauenliteratur
    Verantwortlich: Künstlerischer Leiter
  • Der Zirkelleiter bietet einen Informationsvortrag aus seinem beruflichen Fachgebiet über Tendenzen der englischen Gegenwartslyrik an.
    Verantwortlich: Künstlerischer Leiter
  • Unser Zirkelmitglied [geschwärzt] bietet einen literaturtheoretischen Vortrag zum Thema „Poetik“ an.
    Verantwortlich: [geschwärzt]
  1. Arbeit an der geplanten IV. Anthologie des Zirkels

Der Zirkel erarbeitet eine erste, vorläufige Konzeption zum Arbeitsthema „Bilder und Texte“ nach Sichtung der vorliegenden potentiellen Texte sowie voraussichtlich in Zusammenarbeit mit dem FOTOKLUB JENA ’78 und dessen fotografisch-künstlerischen Angebots.
Verantwortlich: Künstlerischer Leiter/ [geschwärzt] (für Zusammenarbeit mit Fotoklub)

  1. Öffentlichkeitsarbeit

Der Zirkel organisiert zwei Leseabende für das Publikum im Kombinat und im Territorium, zu denen neu entstandene Texte aus der Arbeit an dem geplanten Anthologieprojekt in ansprechender kulturvoller Atmosphäre vorgestellt werden. Als Termine sind das Umfeld des 100. Jahrestags der Bildung der Carl Zeiss Stiftung sowie die Betriebsfestspiele 1989 vorgesehen.
Verantwortlich: Künstlerischer Leiter/ [geschwärzt]

  1. Titelkampf

Mit den bereits vorliegenden Arbeitsergebnissen und Leistungen aus den Arbeitsjahren 1986/87 und 1987/88 sowie den geplanten Vorhaben für 1988/89 wird der Zirkel 1990 termingerecht den Titel „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ zum achten Male verteidigen und sich gleichzeitig damit um den Titel „Kollektiv der DSF“ bewerben.

Jena, im September 1988

[geschwärzt]
(Künstlerischer Leiter)

Interpretationsvorschläge

Die Arbeitspläne der Zirkel schreibender Arbeiter waren in der DDR vor allem ein Mittel zur legitimatorischen Kommunikation ,nach oben‘. Kulturgruppen und Volkskunstzirkel hatten zur Legitimation ihrer Arbeit Arbeitspläne anzufertigen, die sie den Trägerbetrieben vorlegen mussten. Diese Dokumente folgten einem formel- und phrasenhaften Sprachstil, der ideologische Linientreue betonte und den staatlichen Vorgaben entsprach. Entsprechend langsam veränderte sich dieses Format im Laufe der Zeit. Umso auffälliger sind Brüche – wie etwa im Arbeitsplan für die Jahre 1988/89, verfasst unter der Leitung eines neuen Zirkelleiters, der 1987 den langjährigen Zirkelleiter Dr. Wolfgang Schütz ablöste.

Dieses Dokument markiert eine Neuausrichtung des Jenaer Zirkels Schreibender Arbeiter. Schon im einleitenden Absatz wird deutlich, dass sich die Schreibgruppe im Aufbruch befindet: Nach einem Generationswechsel soll Bewährtes fortgeführt, aber auch anderes ausprobiert werden. Dabei steht nicht mehr die politische Ausrichtung im Vordergrund, sondern die literarische Weiterentwicklung und die öffentliche Sichtbarkeit.

Vergleicht man diesen Plan mit dem ein Jahr älteren Arbeitsplan von 1987/88, wird der Wandel deutlich. Dort hieß es noch: „Der Arbeitsplan […] lässt sich […] vorrangig von den Beschlüssen des XI. Parteitages der SED leiten.“ Bis dahin begannen die Pläne stets mit einem Verweis auf die vermeintliche ideologische Ausrichtung der Zirkelarbeit an den Zielen und Beschlüssen der Partei. Auch der Bildungsauftrag war klar parteipolitisch formuliert – etwa als Ziel, „klare parteiliche Standpunkte“ zu entwickeln.

Diese Formulierungen fehlen 1988/89 vollständig. Stattdessen benennt der Plan Prinzipien der Zusammenarbeit, ohne auf politische oder ideologische Vorgaben Bezug zu nehmen. Die Ausrichtung ist nun stärker auf das Literarische fokussiert. Die regelmäßigen Werkstattabende, bei denen Texte gemeinsam diskutiert werden, bleiben zwar bestehen, doch ihre Zielsetzung wird neu gefasst: Es geht nun um „Arbeit an den Texten“, nicht mehr um „politisch-ideologische“ oder „volkskünstlerische Weiterbildung“.

Diese sprachlichen Veränderungen stehen nicht nur für einen neuen Ton, sondern auch für eine veränderte Selbstverortung. Der Zirkel rückt von seiner bisherigen Rolle als ausführendes Organ kulturpolitischer Vorgaben ab. Stattdessen wird das Schreiben stärker als eigenständige, kreative Tätigkeit verstanden – nicht länger funktionalisiert im Sinne staatlicher Kulturpolitik. Bemerkenswert ist dabei, dass diese neuen Selbstverständnisse, die sich über einen längeren Zeitraum unter den Zirkelmitgliedern entwickelt hatten, nun selbst gegenüber staatlichen Institutionen vorsichtig vertreten werden.

Der Arbeitsplan 1988/89 des Jenaer Zirkels Schreibender Arbeiter ist damit nicht nur ein Dokument interner Neuausrichtung, sondern auch ein Ausdruck vorsichtiger Distanzierung vom bisherigen ideologischen Rahmen der Schreibenden Arbeiter der DDR.

Weitere Ausstellungskategorien

Bildung Schwellen & Grenzen

Quellenkritik

Jeder betriebliche Volkskunstzirkel musste in der DDR jährlich einen Arbeitsplan bei der Kulturabteilung des jeweiligen Betriebs einreichen. Diese Pläne legten die Ziele und Vorhaben des kommenden Arbeitsjahres fest und dienten als Rechtfertigung der eigenen Arbeit gegenüber dem Betrieb. Die Zirkelmitglieder sollten so an die staatlich festgelegte kulturpolitische Linie gebunden werden.