Cap Arcona: das Schiff, die Katastrophe, das Denkmal
Cap Arcona – das ist eigentlich nur ein Fels mit Leuchtturm, der nördlichste Punkt der Insel Rügen. Doch in der jüngeren deutschen Geschichte steht der Name auch für weniger Harmloses. Sven Schiffner ist brisanten Zusammenhängen nachgegangen. Für SPUREN SUCHEN faßt Karin Haist seine Ergebnisse zusammen
Cap Arcona – das Schiff
14. Mai 1927: „Mögest Du zur Ehre des geliebten deutschen Vaterlandes und zur Freude Deiner Gesellschaft die Meere durchfurchen und ein weiteres Bindeglied zwischen der Alten und der Neuen Welt sein. Ich taufe Dich ,Cap Arcona‘!“ Mit diesen Worten läßt die Hamburger Industriellentochter Beatrix Amsinck eine Champagnerflasche am Schiffsbug zerschellen. Die „Cap Arcona“ – bei der Hamburger Werft Blohm und Voss gebaut – ist ein Schiff der Superlative und Sinnbild der wiedererstandenen deutschen Wirtschaftskraft nach dem Ersten Weltkrieg. Der Luxusliner ist 205,9 Meter lang, fährt mit 24000 PS und bietet auf fünf Passagierdecks Raum für 1365 Gäste. An Bord befinden sich Tennisplatz, Schwimmbad, Wintergarten, Tanzsäle, Luxusgeschäfte, Friseure, Bäckereien. Es kann Golf und Fußball gespielt werden. Im Speisesaal der Ersten Klasse – Ausmaße: 35 x 18 Meter – werden die erlesensten Köstlichkeiten angeboten. Neue Menükarten fertigt die schiffseigene Druckerei mehrmals täglich. In den kommenden Jahren befährt die Cap Arcona die Weltmeere, vor allem auf ihrer Hauptroute Hamburg – Buenos Aires. Man nennt sie die „Königin des Südatlantik“. An Bord herrscht fortwährend Festtagsstimmung. Eine einzige rauschende Ballnacht…
Cap Arcona – die Katastrophe
3. Mai 1945: Vier Kilometer vor der Küste von Neustadt in Holstein ankern Schiffe. Unter ihnen die Cap Arcona. Vom Glanz der alten Tage ist dem manövrierunfähigen Schiff nichts mehr anzusehen. Seit 1939 der Befehlsgewalt der Kriegsmarine unterstellt, ist die Cap Arcona systematisch heruntergewirtschaftet worden. An Bord der Schiffe sind in diesen letzten Kriegstagen KZ-Häftlinge untergebracht – unter qualvoll engen und katastrophalen hygienischen Bedingungen. Auf der Cap Arcona ergibt der Zählappell an diesem Morgen: über 4600 Häftlinge. Sie sind Mitte April aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg evakuiert worden. Vor dem Heranrücken der alliierten Truppen sollten die Spuren der KZ-Gewalttaten in letzter Minute verwischt werden. Nicht nur die KZ-Häftlinge sind nach Schleswig-Holstein gebracht worden. Auch Teile der deutschen Reichsregierung und deutsche Truppen weichen zu einem Zeitpunkt, als weite Teile Deutschlands bereits unter alliierter Besatzung stehen, in den Norden aus. Um jede Flucht über die Ostsee zu verhindern, haben britische Bomber den Befehl, deutsche Schiffe anzugreifen. Für die auf der Cap Arcona und ihren Nachbarschiffen hilflos eingepferchten Menschen hat das katastrophale Folgen. Gegen 14 Uhr an diesem 3. Mai bombardieren britische Flieger auch die in der Neustädter Bucht liegenden Schiffe. Die Cap Arcona wird allein von 40 Bomben getroffen. Sie steht sofort in Flammen. Eine furchtbare Hitze entwickelt sich. Das Schiff droht zu sinken. Wer noch kann, versucht, aus dem Schiffsinneren ins Freie zu gelangen. Aber es gibt keinen Weg aus dem Inferno. In der Massenpanik werden viele Menschen totgetrampelt. Die meisten verbrennen. Manche versuchen, sich durch einen Sprung in die Ostsee zu retten. Doch die ist 8 Grad kalt, und zur Küste sind es vier Kilometer. Rettungsmittel an Bord fehlen. Hilfe von Land unterbleibt weitgehend. Beim Untergang der Häftlingsflotte in der Neustädter Bucht sterben fast 8000 Menschen. Von den 4600 Häftlingen auf der Cap Arcona überleben diese Tragödie nur 350 Menschen.
Cap Arcona – das Denkmal
8. September 1957: Im mecklenburgischen Grevesmühlen wird ein Denkmal für die Opfer der Cap-Arcona-Katastrophe feierlich eingeweiht. Auf dem Plateau eines der Stadt nahegelegenen Hügels ist ein Gesteinsblock mit einem großen, auf der Spitze stehenden Dreieck als Symbol der KZ-Häftlinge errichtet worden. Die Inschrift: »Cap Arcona. 3. 5. 45«. Überlebende erinnern an das furchtbare Geschehen und legen einen Kranz nieder. Auch offizielle Delegationen, z.B. von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, den Parteien oder der Nationalen Volksarmee sind angetreten.
Zwölf Jahre liegt die Katastrophe zurück. Warum wird jetzt daran erinnert – und warum ausgerechnet in Grevesmühlen, fernab von der Ostseeküste? Nach dem 3. Mai 1945 waren die Leichen der umgekommenen Häftlinge monatelang an die Strände Schleswig-Holsteins und Mecklenburgs angeschwemmt und dort meist in Massengräbern beigesetzt worden. Ein schlichtes Holzkreuz markierte einen solchen Begräbnisort am Strand des mecklenburgischen Dorfes Schwansee. Ein Denkmal dort war bereits in Planung, als nach der Gründung der DDR 1949 das Errichten von Gedenkstätten Sache des Staates wurde. Für die jetzt Verantwortlichen aber hatte Schwansee einen ganz entscheidenden „politisch-geographischen“ Fehler: Sein Strand lag in Sichtweite der westdeutschen Küste. 1954 wurden deshalb die in Schwansee begrabenen Toten der Cap Arcona-Katastrophe nach Grevesmühlen umgebettet. Die Einweihung der Gedenkstätte 1957 zeigt schon deutlich, daß es neben der Erinnerung an den furchtbaren Tod der Gefangenen auch darum geht, die antifaschistische Ausrichtung der jungen DDR unter Beweis zu stellen. Der Kalte Krieg tönt schon durch die Einweihungsreden: „Nie wieder wird sich so etwas in unserem Teil Deutschlands wiederholen.“ Gedenkfeiern am Grevesmühler Denkmal für die Cap Arcona werden von nun an zur festen Einrichtung. Doch mit der zunehmenden politischen Indienstnahme des Denkmals entwickeln sie sich zu immer gleichen, für viele Beteiligte im Lauf der Jahre sinnentleerten Zeremonien.
Nachgefragt: Sven Schiffner
SPUREN SUCHEN: Sven, Du bist 21 Jahre alt, Auszubildender in einer Bank und lebst in Deinem Geburtsort Grevesmühlen. Du bezeichnest Dich selbst als einen „gelernten DDR-Bürger“. Was meinst Du damit?
Sven Schiffner: Ich habe die normale „DDR-Karriere“ durchlaufen, mit Kinderkrippe, Kindergarten und Polytechnischer und Erweiterter Oberschule. Ich bin Junger Pionier gewesen, Thälmannpionier, FDJ-Sekretär meiner Klasse und habe die obligatorische und ritualisierte Jugendweihe hinter mich gebracht. Natürlich habe auch ich mich manchmal an den Grenzen des beschränkten DDR-Systems gestoßen – aber um sie wirklich zu übertreten, dazu waren wir nicht „programmiert“, das war einfach ein Tabu. Wie viele andere auch habe ich im Grunde an die Ideale des Sozialismus geglaubt. Vermutlich war das naiv, aber ich stehe dazu.
SPUREN SUCHEN: Warum hast Du Dich gerade mit dem Cap-Arcona-Denkmal auseinandergesetzt?
Sven Schiffner: Ich mußte ja als Schüler selbst bei der jährlichen Kranzniederlegung an diesem Denkmal antreten – als Fahnenträger oder um Spalier zu stehen. Zu Beginn war diese Zeremonie mit ehemaligen Widerstandskämpfern schon beeindruckend. Aber mit den Jahren wurde dann diese, wie es offziell hieß, „machtvolle Demonstration gegen Krieg und Faschismus“ doch eine reine Pflichtübung für uns. Dieses Denkmal ist aber nicht nur von Generationen blind regierender Funktionäre mißbraucht worden, sondern seit der deutschen Wiedervereinigung droht ihm auch das moralische und politische Aus. Ich habe mit dem Cap-Arcona-Denkmal nicht nur die Geschichte einer antifaschistischen Gedenkstätte, sondern auch meine eigene DDR-Geschichte aufgearbeitet. Ich wollte meinen eigenen Standort in dieser Bundesrepublik finden.
SPUREN SUCHEN: Ist Dir das gelungen?
Sven Schiffner: Ich glaube, meine Chance bestand darin, daß ich die Wirkung politischer Zwänge auf überschaubarer, lokaler Ebene verfolgen konnte. Durch die Kombination verschiedenster Dokumente aus Museen und Archiven habe ich es hoffentlich geschafft, ein einigermaßen objektives Bild von diesem Land DDR zusammenzubauen. Während der Spurensuche habe ich so etwas wie mein eigenenes Wertesystem entwickelt. Damit bin ich auf meinem persönlichen Weg in das vereinte Deutschland zwar noch nicht angekommen, aber doch einen großen Schritt vorwärts gegangen.
SPUREN SUCHEN: Bist Du bei Deiner Spurensuche auch auf Hindernisse gestoßen?
Sven Schiffner: Viele haben mich gewarnt, doch nicht so ein „heißes Eisen“ anzupacken. Und es gab schon Momente, in denen ich Angst hatte weiterzumachen – etwa, als auch in Grevesmühlen die rechte Gewalt eskalierte. In so einem Klima wird es natürlich nicht leichter, mit Zeitzeugen über DDR-Geschichte und NS-Vergangenheit zu diskutieren. Je näher ich bei meinen Recherchen an die Gegenwart herankam, desto schwieriger stellte sich für mich die Suche nach Objektivität dar. Und gerade weil ich merkte, daß ich noch immer dieses verschrobene DDR-Geschichtsbild in mir trug, ist es mir so wichtig geworden, nie wieder Einseitigkeiten zuzulassen. Bei eindimensionalen Erklärungsversuchen werde ich hellhörig, da hake ich jetzt einfach immer nach. Das ist oft unbequem – das merke ich selbst, aber vermutlich
Bildunterschrift 1: Die Cap-Arcona-Katastrophe in der Neustädter Bucht – Holzschnitt eines Überlebenden
Bildunterschrift 2: 1948 liegt das ausgebrannte Wrack der Cap Arcona noch immer am Ort der Tragödie
noch deutlicher meine Gesprächspartner!
SPUREN SUCHEN: Du hast Dich jetzt sehr intensiv mit einem Denkmal beschäftigt. Hat sich dadurch Deine Einstellung zu Denkmalen insgesamt verändert?
Sven Schiffner: Man wird natürlich sensibler für so ein Thema, je mehr man sich damit auseinandersetzt. Ich nehme jetzt politische Debatten um öffentliche Erinnerungsorte bewußter wahr.
SPUREN SUCHEN: Zum Beispiel?
Sven Schiffner: Zum Beispiel empfinde ich es als eine Unverschämtheit Bonner Politiker, den Palast der Republik in Berlin abreißen zu wollen, nur um Platz für ein weiteres repräsentatives Gebäude der Bundesregierung zu schaffen. Die Ostdeutschen haben für diesen „Palast“ damals einfach zu teuer bezahlen müssen. Das Gebäude ist für mich ein kulturhistorisches Denkmal.
SPUREN SUCHEN: Sven, Du hast es nur mit Mühen geschafft, für die Preisverleihung in Berlin zwei Tage arbeitsfrei zu nehmen. Wie konntest Du vorher ein halbes Jahr lang die nötige Zeit zum Forschen finden?
Sven Schiffner: Als Auszubildender habe ich mich mit „meinem“ Denkmal quasi nur nebenberuflich befassen können. In den Wettbewerb habe ich jede freie Minute und meinen gesamten Resturlaub investiert. Auch räumlich bin ich an Kapazitätsgrenzen gestoßen. Geradezu bewundernswert war das Entgegenkommen meiner Familie, die es zuließ, daß ich einen Raum der Wohnung für längere Zeit als Aktenzwischenlager nutzte. Wer die DDR-üblichen Zweieinhalb-Zimmerwohnungen kennt, der weiß, was das heißt.
Das Interview führte Karin Haist.
Sven Schiffner
ist 1972 geboren und lebt in Grevesmühlen. Nach dem Abitur hat er eine Ausbildung zum Bankkaufmann begonnen. Schon im Wettbewerb „Tempo, Tempo … Mensch und Verkehr in der Geschichte“ hat er anhand einer Bahnstrecke deutsch-deutsche Vergangenheit thematisiert. Mit seiner Arbeit zum Cap-Arcona-Denkmal hat Sven Schiffner nun auch eine persönliche Bilanz seiner DDR-Geschichte vorgelegt. Für seine differenzierte Darstellung und seine selbstkritische Reflexion hat ihm die Jury einen Ersten Preis zugesprochen.
Bildunterschrift 3: Bei den jährlichen Gedenkfeiern am Cap-Arcona-Denkmal in Grevesmühlen, hier im September 1975, stehen NVA-Soldaten Ehrenwache