Rassistische Diskriminierung im Studentenwohnheim: Interview mit Ralf Jähne (Pseudonym)

Gewalträume/Schutzräume

Exponatentyp
Audio, Zeitzeug:innen-Interview
Datum
02.10.2020
Dauer
01:51 min

Rassistische Diskriminierung im Studentenwohnheim: Interview mit Ralf Jähne (Pseudonym)

Gewalträume/Schutzräume

Ralf Jähne blickt auf einen geradlinigen Werdegang in der DDR zurück: Ausbildung zum Großgerätefahrer, dreijähriger Wehrdienst bei der NVA, Ingenieurstudium in Senftenberg, danach Lehrausbilder. Nach 1989 ist er Geschäftsführer eines gemeinnützigen sozialen Vereins – diese Veränderungen stehen symptomatisch für die Lebenswege vieler anderer Ostdeutscher. Das Interview ist Teil eines größeren Oral-History-Projekts zur Dokumentation persönlicher Erfahrungen in der Zeit gesellschaftlicher Transformation nach 1989.

Vierbettzimmer in einem Wohnheim, zwei Doppelstockbetten an den Wänden, in der Mitte des Zimmers ein Tisch mit Stuhl

Ralf Jähne (Pseudonym), geb. 1959 im Bezirk Magdeburg, DDR

Allgemeine Informationen

Titel: Interview mit Ralf Jähne (Pseudonym)

Medienart: Zeitzeugen-Interview

Interview: Dr. Patrice Poutrus

Jahr: 2020

Gesamtänge: 01:51:33 h

Besitzende Einrichtung: Oral-History-Forschungsstelle an der Universität Erfurt

Empfohlene Zitierweise: Interview mit Ralf Jähne (Pseudonym), 02.10.2020. Abgerufen unter: https://dut-ausstellung.de/source/interview-mit-ralf-jaehne-pseudonym-geb-1959-im-bezirk-magdeburg-ddr/.

Quelle in der digitalen Sammlung der Thulb

Gesamtes Interview auf Oral-History.Digital (Anmeldung erforderlich)

Transkript

Patrice Poutrus [P.P.]: „Haben Sie dann auch wieder im Studentenwohnheim …“

Ralf Jähne [R.J.]: „Ja.“

P.P.: „… gewohnt?“

R.J.: „Studentenwohnheim und auf ’ner 4-Mannbude sozusagen.“

P.P.: „Ja, genau das war; war fast wie eine Fortsetzung der Militärzeit. Also.“

R.J.: „Ja, also zumindest, was die Wohnverhältnisse anging, ja. Und was es, was mir damals zum ersten Mal aufgefallen ist, dass es latenten Rassismus gab. Also das war so böse zum Teil. Also wir hatten relativ viele Studenten aus Afrika bei uns. Also aus Mosambik meistens oder Angola.“

P.P.: „In den Ingenieurberufen?“

R.J.: „Ja, oder auch aus Südafrika. Die haben Bergbau, Tagebau gelernt, meistens. Und auch aus Panama, also überall, wo Bergbau ging. Also die, Bergbau musste wohl ’n guten Ruf gehabt haben in der DDR, so dass viele ihre Kinder dort hingeschickt haben zum Studieren. Und was da abging war teilweise grenzwertig, fand, also nicht grenz-, war grenzwertig. Dort hat man eben versucht, eben auch, auch auf welcher Basis auch Zimmer, 4-Mann-Zimmer zu besetzen mit zwei Schwarzen und zwei Weißen. Das ging absolut nicht gut. Da war, dann, dann wurden die Schwarzen regelrecht dazu angehalten, sauber zu machen und all solche Sachen. Also es war böse, wirklich böse. Also man hat dahingehend reagiert, dass man die Leute auseinandergenommen hat und getrennt untergebracht hat irgendwo und dann ging das einigermaßen. Aber das war wirklich, boah, das ist mir damals schon aufgefallen, dass das extrem war.“

P.P.: „Und das waren vor allem junge Männer?“

R.J.: „Ja.“

P.P.: „Das ist dann noch so ein zusätzliches Problem.“

R.J.: „Ja.“

P.P.: „Also sozusagen Männer unter Männern ist das Eine, aber Männer und Frauen hat doch oft dazu geführt, also ich weiß es nur, weil hier in Erfurt hat es ja in den ’70er Jahren schon Ausschreitungen gegeben wegen Algeriern. Da ging es um, in den, was man darüber lesen kann, geht es immer darum, dass behauptet wird, die wollen uns die Frauen wegnehmen.“

R.J.: „Ja. ja! Ne, das war glaube ich nicht der, ich weiß es nicht, also ich kann, daran kann ich mich nicht erinnern, weil ich war eigentlich immer offen gewesen für andere Kulturen. Mir hat das Spaß gemacht, insbesondere mit den Leuten aus Südafrika. Die waren, also die aus Mosambik die Leute waren meistens sehr verschlossen gewesen. Also da, da.“

P.P.: „Die sind aus einem schweren Bürgerkrieg gekommen.“

R.J.: „Ja, ja! Da hat man auch kaum Zugang bekommen, aber man hat sich manchmal in der Küche getroffen, in der Gemeinschaftsküche. Wenn man gesagt hat: ,Ach, was kochst’n da?‘ Auf der Ebene. Oder die beiden aus Südafrika, die waren wesentlich offener. Die kamen vom ANC und hatten natürlich auch ’n extremen Pluspunkt: sie durften nach West-Berlin zum Einkaufen und hatten dann natürlich ganz viele Freunde gehabt.“ (Lacht))

P.P.: (Lacht) „Ja, verstehe.“ (Lacht)

R.J.: „Also, nein, sie waren aber auch, auch, auch kommunikativer gewesen. Also mit denen konnte man sich auch gut unterhalten, auch im Englisch, wenn man ’n bisschen konnte. Aber die konnten auch relativ gut Deutsch. Also ich glaube die hatten es leichter gehabt.“

P.P.: „Als die Mosambikaner.“

R.J.: „Ja.“

Interpretationsvorschläge

In diesem Interviewauszug hören wir, wie Ralf Jähne Situationen von Alltagsrassismus in seiner Studentenzeit erinnert. Während des Studiums ist es zu Rassismus an der Ingenieursschule in Senftenberg gekommen. Student:innen aus Afrika (Mosambik, Angola, Südafrika) wurden von Studierenden aus der DDR u. a. zum Säubern des Gemeinschaftszimmers gezwungen. Dies erschütterte ihn sehr, auch weil diese diskriminierende Haltung sein Bild von der DDR als antifaschistischem Staat grundlegend infrage stellte.

Insgesamt erreichten zwischen 64.000 und 78.400 ausländische Student:innen zwischen 1951 und 1989 einen Hochschulabschluss in der DDR und machten damit 3 Prozent aller Hochschulabsolvent:innen aus. Aus welchen Ländern die Studierenden kamen, veränderte sich im Laufe der Zeit entsprechend dem außenpolitischen Interesse der DDR. So wurden bspw. Ende der 1970er Jahre Abkommen mit den jungen Nationalstaaten Mosambik und Angola getroffen, die neben der Entsendung von Arbeitsmigrant:innen auch das „Ausländerstudium“ in der DDR regelten. Daher wuchsen die Gruppen angolanischer und mosambikanischer Student:innen in den 1980er Jahren an, aus Angola kamen insgesamt ca. 600 junge Menschen zum Studium in die DDR.

Während die Arbeitsmigrant:innen in Gruppen aus ihren Herkunftsländern und separiert von der DDR-Bevölkerung in Wohnheimen untergebracht waren, lebten die Studierenden gemeinsam mit anderen ausländischen sowie DDR-Student:innen. Das Zusammenleben und der Kontakt mit der DDR-Bevölkerung wird von vielen ausländischen Studierenden sowohl positiv erinnert als auch von zahlreichen Berichten über Alltagsrassismus und rassistische Gewalt überschattet. Diese unterschiedlichen Erfahrungen lassen sich auch in den von Ralf Jähne geschilderten Kontakten wiedererkennen.

Ralf Jähne reflektiert in seinem Interview die unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Aspekte des Lebens in der DDR und im vereinigten Deutschland: So bilanziert er, dass es ihm und seiner Familie in der DDR an wenigen Dingen mangelte, abgesehen von der Reisefreiheit. Er konnte zu Beginn der 1990er Jahre die Sichtweise, dass man in der DDR „nichts gehabt habe“, nicht verstehen und bedauert, „dass wir das mit der DDR nicht hingekriegt haben.  Er hätte es als sinnvoll empfunden, wenn 1990 ein neues, gemeinsames Grundgesetz entstanden wäre. Zugleich stellt er fest, dass das neue Leben in der BRD für ihn auch eine Bereicherung darstellte. Zu dieser Zeit habe er auch stark mit sich, seiner beruflichen Laufbahn und der Familie beschäftigt. Letztere beschreibt er als seinen festen Rahmen, der ihm immer große Sicherheit gegeben habe und weiterhin gibt.

Weitere Ausstellungskategorien

Bildung

Quellenkritik

Dr. Patrice Poutrus führte im Rahmen des vom BMBF geförderten Forschungsverbundprojekts „Diktaturerfahrung und Transformation“ von Februar 2020 bis in den Herbst 2022 insgesamt 82 narrative, leitfadengestützte Interviews. Davon gehörten 39 Interviews zum Teilprojekt „DDR-Lebenserinnerungen“ und 43 weitere zum Teilprojekt „DDR-Familienerinnerungen“.

Die vorliegende Quelle zeigt, wie der Interviewer die Erinnerungen des Befragten um historische Fakten ergänzt. Ralf Jähne versucht, sich genau an das Geschehene zu erinnern, was ihm nicht immer leichtfällt – auch weil dieses Thema in der DDR stark tabuisiert wurde bzw. wenig Raum in der gesellschaftlichen Diskussion einnahm. Dementsprechend bleiben seine Erinnerungen vage.