Kein Himmelreich für die Nächstenliebe
Christliche Sozialarbeit berührte in der DDR ein politisches Tabu: Offiziell gab es im Sozialismus keine soziale Not. Wie Hilfsbedürftigen in der Dresdner „Gotteshütte“ trotzdem geholfen wurde und wie der Staat darauf reagierte, haben Samuel Seifert und Cornelius Henker recherchiert. Über ihre Ergebnisse berichtet Sven Tetzlaff
Jeden Mittwoch, wenn sich die 60 bis 80 jugendlichen in den kleinen Räumen der Gotteshütte drängten. wiederholte sich die Szene: In gebührendem Abstand parkten zwei Polizisten ihren Wagen, um den Holzbau anschließend nicht mehr aus den Augen zu lassen. Ihren Fuß setzten sie auf das mauergeschützte Grundstück nie. Aber hätten sie womöglich zugegriffen, wenn jemand alleine nach draußen gegangen wäre, um Zigaretten zu holen? „Die Angst, daß etwas passieren konnte, war immer da“, beschreibt Pfarrer Schäfer die Anspannung unter den Jugendlichen bei den Mittwochstreffen zu Anfang der 80er Jahre. Für sie war die Gotteshütte in der Dresdner Neustadt ein zentraler Anlaufpunkt. Viele kamen nach Streitigkeiten mit ihren Eltern, bei Problemen mit Alkohol und Drogen oder bei Konflikten mit dem Staat, um hier das Gespräch zu suchen und konkrete Hilfe zu finden. Organisiert wurden die Diskussionsabende vom Sozialdiakon Rolf Schmidt, der als christlicher Sozialarbeiter in der DDR einen schwierigen Dienst leistete: „Nach Ansicht der damals herrschenden Ideologie gab es viele Nöte, die wir gesehen haben, gar nicht – zum Beispiel Drogenprobleme.“ In einem offiziellen Buch über „Das Leben in der DDR“ von 1984 hieß es dazu: „Daß die Jugend in der DDR keine Rauschgiftsucht kennt, liegt in erster Linie daran, daß niemand auf die ‚Flucht aus der Wirklichkeit‘ angewiesen ist“, denn „Verzweiflung über ein arbeitsloses, leeres Dasein ohne Perspektive“ gäbe es in der sozialistischen Gesellschaft nicht. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte jedoch eine große Lücke. Wie groß, das erfuhren Samuel Seifert und Cornelius Henker von den Mitarbeitern der Gotteshütte, die über eine knapp vierzigjährige Geschichte sozialer Basisarbeit in dem von besonders vielen Problemen geprägten Viertel Dresdens berichten konnten.
Auferstanden aus Ruinen: Die »Hütte Gottes« in der Dresdner Neustadt
Entstanden war die Gotteshütte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Da das Geld für den Bau einer Kirche fehlte, entschied sich die evangelisch-lutherische Stadtmission 1949 dazu, eine einfache Baracke als „Hütte Gottes bei den Menschen, in der Dresdner Neustadt zu errichten. Sie bot zunächst den Trümmerfrauen Wärme und Schutz und diente in unmittelbarer Nähe zum Dresdner Bahnhof der Verteilung internationaler Hilfsgüter. Alte Menschen und Kriegsversehrte fanden hier ebenso Unterstützung wie die vielen alleinstehenden Frauen, deren Ehemänner und Söhne aus dem Krieg nicht wieder zurückgekehrt waren. Praktische Arbeit leisteten die ehrenamtlichen Helferinnen, die in der Nähstube die Kleiderspenden aufarbeiteten. Aus der Versehrtenarbeit der Anfangszeit entwickelte sich bald die Behindertenarbeit, und in den 60er Jahren wurden neben Hilfsangeboten für Alkoholkranke oder Straffällige neue Initiativen wie die Unterstützung der reisenden Schausteller oder die Hilfe für MS-Kranke entwickelt. In die „Trinkerrettung“, wie die Arbeit mit Alkoholabhängigen in der Gotteshütte genannt wurde, kamen vorn Kombinatsdirektor bis zum Industriearbeiter Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft. Auch materielle Gründe führten Hilfesuchende in den einfachen Holzbau, der, zu ebener Erde gelegen, keine Schwellenängste entstehen ließ. Alleinerziehende Mütter mit vielen Kindern. die krank wurden oder aus Mangel an ausreichenden Kindergartenplätzen zu Hause bleiben mußten, fragten nach Kleidung oder Lebensmitteln, da die staatliche Unterstützung oftmals nicht reichte. Die „Mütterhilfe“ übernahm seit den 70er Jahren zunehmend Aufgaben, die der Staat nur noch unzureichend abdeckte. Die Helferin Sieglinde Schöne erinnert sich, daß sie in ihrer siebzehnjährigen Tätigkeit eine Vielzahl von Kindern aus Scheidungs- oder Alkoholikerfamilien ins Heim bringen mußte, da die staatliche Jugendhilfe schlicht überlastet war.
Christliche Sozialarbeit: Lückenbüßer der Sozialpolitik
Mit ihrem Engagement gaben die Mitarbeiter der Gotteshütte in einem Bereich auch Anstöße für die Erneuerung der staatlichen Sozialpolitik: Als Mitte der 60er Jahre der Anteil von Rentnern in der DDR dramatisch anstieg, wurden die Heimplätze für ältere Menschen knapp. Dieses Problem bewog Pfarrer Paulus Drescher dazu, in Dresden ein umfangreiches Programm zur ambulanten Altenpflege zu initiieren. Hunderte von ehrenamtlichen Helfern wurden seit 1967 in Altenpflegekursen der Gotteshütte ausgebildet, um ältere Menschen zu Hause versorgen zu können. Ein erfolgreiches Konzept, das kurze Zeit später der staatsnahen „Volkssolidarität“ als Vorbild für eigene Angebote diente.
BILDUNTERSCHRIFT: Ab Mitte der 80er Jahre wurde die „Gotteshütte“ auch zum Anlaufpunkt für Punker und andere Jugendliche, die mit dem Staat in Konflikt geraten waren.
Als letzter größerer Arbeitsbereich entstand gegen Ende der 70er Jahren schließlich die „sozial-diakonische Jugendarbeit“, die ab 1982 von Rolf Schmidt geleitet wurde. Die Dresdner Neustadt entwickelte sich in dieser Zeit zu einem Zentrum jugendlicher Subkultur in der DDR. Längst waren in die baufälligen Mietskasernen und Hinterhofhäuser neben Arbeiterfamilien auch Intellektuelle, Künstler, Punks und Autonome eingezogen, die regelmäßig die Gotteshütte aufsuchten. Viele kamen, um bei den von Schmidt organisierten Gesprächsabenden über Sexualität und Schwangerschaft, Familienkonflikte oder das Verhältnis zwischen Jugendlichen und der Polizei zu diskutieren. Andere holten sich Rat, weil ihre Ablehnung des schulischen Wehrkundeunterrichtes oder des Armeedienstes Probleme brachten. Mitarbeiter der Gotteshütte begleiteten straffällig gewordene Jugendliche zu Gerichtsverfahren und vertraten ihre Interessen gegenüber den Behörden. Rolf Schmidt, der demonstrativ den Aufnäher der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ trug, war sich klar über die Brisanz seines Engagements: „Wir haben mit unserer Arbeit ja die Generallinie der Partei angegriffen.“
Jugendarbeit im Visier der Stasi
Schmidts Einschätzung wird durch die Akten der Staatssicherheit bestätigt, die Samuel Seifert und Cornelius Henker bei ihren Recherchen in der Gauck-Behörde einsehen konnten. Sie stießen auf einen Bericht über die Gotteshütte, den Hans Modrow – damaliger SED-Bezirksleiter – im Jahr 1983 vom Ministerium für Staatssicherheit angefordert hatte. Der Stasi galt die Gotteshütte als Ort der „Konzentration negativer jugendlicher Kreise“ in der es „nicht vordergründig um eine seelsorgerische Einflußnahme“ ginge, sondern „kriminell-angefallene Jugendliche, die sich als ‚Pazifisten‘ ausgeben“, Freiräume für Opposition erhielten. In dem Bericht wurden namentlich genannte Besucher der Gotteshütte aufgeführt, die angeblich in „asozialen Verhältnissen“ lebten, „keiner geregelten Arbeit“ nachgingen oder auch versucht hätten „ungesetzlich die DDR zu verlassen“. Aber auch geringere Anlässe reichten aus, um in das Visier der Stasi zu geraten. So wurde von einer 20jährigen Apothekenfacharbeiterin berichtet, die von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in der Jugendhilfe während einer Betriebsversammlung erzählt hatte. Wie Samuel Seifert und Cornelius Henker in ihren Zeitzeugengesprächen herausfanden, mußte die junge Frau kurz danach ihre weiterführende Ausbildung abbrechen, da sie trotz des Drucks der Stasi nicht bereit war, ihr Engagement für die Gotteshütte aufzugeben. Drei Jahre nach Erstellung des Berichtes kam das Ende für die Gotteshütte: 1986 wurde sie abgerissen. Offizieller Grund war ein neuer Bebauungsplan, der das Gelände in eine Zubringerstraße zum nahegelegenen Albertplatz verwandelte. Für die beiden Spurensucher war dies nur eine vorgeschobene Begründung, um mit dem Abriß der Baracke auch den Freiraum für politisch Andersdenkende zerstören zu können. Im Juni 1986 mußten die Mitarbeiter und Gotteshüttenbesucher Abschied von dem einfachen Holzbau nehmen, der sich weit über die Dresdner Neustadt hinaus einen Namen als Ort der Hilfe für die in der DDR Schutzlosen gemacht hatte. Nachzutragen bleibt, daß mit dem Ende der Gotteshütte auch die Verkehrsplanung wieder ruhte: Eine Zubringerstraße zum Albertplatz wurde nie gebaut.
Bildunterschrift: Ob alte Menschen oder Jugendliche, die sich taufen lassen wollten: Die „Gotteshütte“ bot Raum für christliche Nächstenliebe. Und: Sie füllte staatliche Lücken der Krankenversorgung. So etwa durch den Aufbau einer ambulanten Altenpflege. 1986 wurde die „Gotteshütte“ schließlich abgerissen.