Ankommen in der DDR (Min. 00:17)
Manuel Alexandre Nhacutou: „Ja, also, ich bin, ich heiße Manuel Alexandre und ich bin 27 Jahre alt. Von Beruf bin ich Betriebsschlosser. Und ich bin seit 1983 hier. Also September 83 bin ich hier angekommen in der ehemaligen DDR. Und das war konkret in, in einem Braunkohlenkombinat, damals in Senftenberg, in Lauchhammer, Lauchhammer Süd, wo sehr bekannt, glaub ich, wegen Brikettsfabrik und so. Und dort habe ich gelebt und eine Berufsausbildung angefangen.
Ich muss sagen, dass die Arbeit sehr schwer war. Erst mal mit dem Deutsch sich auseinanderzusetzen, das war nicht so einfach. Und dann kam das Problem mit Leben überhaupt, wie man dort gelebt hat. Das war also kompliziert, schwierig und unerträglich.
Wir haben in eine, in eine Baracke gelebt, eine Holzbaracke. Das war, waren viele Baracke, also Betriebsbaracken, wo Verwaltungspersonalen gearbeitet haben. Und neben dessen haben wir gewohnt. Und in eine andere Baracke hatten wir Küche und also gemeinsam Räume, also das heißt Fernsehräume oder Unterhaltungsräume. Und dann, in diese Baracke waren wir also fast drei Mann in einem Zimmer. Da hatten wir einen Duschraum, und das war schwierig. Man konnte überhaupt nicht sich behaupten, also selber bestimmen. Erst mal von an, von Berufsausbildung her durfte nicht jeder bestimmen, was er machen wollte. Also man hat uns keine Chance gegeben, selber auszusuchen, was man später sein wollte. Und man hat geleben, also kontrolliert, fast wie Häftlinge. In diese Baracke waren vorne also Pförtner, die uns kontrolliert hatten.“
Interviewer: „Deutsche, oder?“
Manuel Alexandre Nhacutou: „Deutsche. Da durfte keine Ausländer arbeiten. Und in dieser Pforte, da war eine große Tafel und in dieser Tafel waren Bilder von uns. Also 44 Personen waren wir und jeder hatte sein Bild mit seine Nummer mit Kennzeichen und so. Und wenn jemand ausging, also Ausgang hätte, hatte, dann haben sie, haben die Pförtner diese, diese Bildern umgedreht. Dann wussten sie auf einmal also das ab wie, ab wie viel Uhr ist er raus und wenn er ankommt, musste er sich anmelden und dann wurden diese Bilder wieder umgedreht. Und wenn man besoffen kam, da gab es wieder Problem. Also in der erste Zeit, Alkohol war verboten. Also mit dem Mädchen zu gehen war automatisch auch verboten. Da wir also grundsätzlich keinen Ausgang haben, die ersten drei Monate überhaupt keinen Ausgang, nur Schule und Arbeit und wieder in diese Baracke rein gehen. Und die Versammlung haben, Betriebsleiter und Gruppenleiter was noch alles gab.“
Proteste im Wohnheim (Min. 03:52)
Manuel Alexandre Nhacutou: „Wir, wir haben mit Betriebsleitung gesprochen, weil ich vorhin sagte wegen Abfindungen und teilweise wegen Bergmannsgeld. Und wir haben fast wie eine Demonstration im Gebäude gemacht, da war der Personalleiter da …“
Interviewer: „Im Betrieb oder wo?“
Manuel Alexandre Nhacutou: „In, in Wohnheim, da ist der Personalleiter gekommen, dazu gekommen und die andere Leute nur Gruppenleitung dazu waren da und wir haben unser Geld verlangt. Und wir haben gesagt, weil einige Leute im Juni fliegen sollten, und wir haben gesagt, die Leute, die im Juni geflogen sind, haben auch das Recht, und wer im September wie wir fliegen sollten, auch, wir haben ebenfalls das Recht und ihr solltet das Geld uns auszahlen. Und Leute, die schon zu Hause sind, muss ja das Geld nach schicken. Und wir haben gesagt, wir fliegen nicht von hier weg, ehe das Geld da ist. Und dann am nächsten Tag dann, äh, waren die die Demonstrationen der Skinheads. Das war irgendwie, also komisch für uns. Aber na ja, wir haben, wir wollen hier niemanden beschuldigen, dass er schuldig ist wegen diese Demonstration, aber ebenfalls wir haben uns Gedanken drüber gemacht, dass wie, wie kamen zustande, dass wir ein Auseinandersetzung hatten mit Betriebsleitung wegen Geld und dann am nächsten Zeit, also am nächsten Tag, diese Demonstration gegen uns stattfand.“
Sicht auf die rassistischen Angriffe auf das Wohnheim (Min. 05:29)
Manuel Alexandre Nhacutou: „September 91 war ich nur in Hoyerswerda, als die Angriffe anfingen und musste ich noch arbeiten, aber konnte ich leider dann nicht mehr von Haus aus gehen, genauso wie alle anderen unserer Kollegen müssen wir im Heim bleiben und also unter Polizeischutz, die allerdings nur dann später gekommen ist.“
Jugendlicher: „Hey, ihr werdet [unverständlich]. In spätestens zwei Stunden fliegen hier die Steine rein [unverständlich].“
Jugendlicher: „Und du willst deutsch sein?“
Jugendlicher: „Macht eure Kamera aus, sonst komm ich rein! Macht se aus.“
Jugendlicher: „Ey, von welcher Firma seid ihr‘n überhaupt?“ [Glasbruch]
Manuel Alexandre Nhacutou: „Gesehen habe ich Massen Leute unten mit, also bewaffnet mit die Stöcke, mit Steine, mit Flaschen, mit Feuer, die also geworfen sind. Und wir waren natürlich ganz hoch. Die Leute, die in zweite bis dritte Stock gewohnt haben, mussten auch wegziehen und in neunte Stock wohnen, in sechste Stock. Und als die, die Krawalle anfingen, ich glaube, diese Krawalle hätten auch keine große Ausmaß, also, erreicht, wenn die Polizei gleichzeitig dazu was getan hat, hätte. Also als die Polizei kam, das waren zwei PKWs, die haben sich in eine Ecke gestellt und zugeguckt, wie wir mit den Skinheads unten, also, uns gewehrt haben. Also erste Tag haben, haben wir versucht, uns zu wehren.
Wir haben auch mit Steine mit Flaschen die Leute also vertrieben draußen und die, die, die liefen weg und die kamen wieder und das war fast ein Theater und mehrere Leute sind dazu verletzt worden. Die Situation hat sich zugespitzt, das heißt immer wieder kamen mehr Leute. Also ich glaube, die haben irgendwie Verstärkung geholt und, allerdings muss ich sagen, die Skinheads, die ich gesehen habe, waren sehr wenig. Aber die meisten Leute die da waren, waren unsere Nachbarn, also Leute, die mit uns zusammengearbeitet haben und Leute, die ebenfalls in Hoyerswerda wohnen. Also einfach Be, Bevölkerung und Jugendliche am meisten. Und die Eltern dann standen hinten und haben gebrüllt und dazu Hände geklatscht. Also die Jugendlichen Mut gemacht, dass sie weiter machen sollten.
Viele Leute habe ich erkannt, sogar Namen könnte ich jetzt nennen. Aber ich glaube, es ist ein [unverständlich], weil es zu viel waren, sonst würde ich hier bis morgen aufzählen. Aber der größte Teil, der waren unsere Nachbarn, unsere Arbeitskollegen und also viele Leute. Skinheads, die ich gesehen habe, waren, also mehr als 15 waren das nicht, also wenig, wenig. Von daher verstehe ich nicht, dass jemand als Ausrede sagen könnte, die Ausländerfeindlichkeit ist wegen der Arbeitslosigkeit. Denn wie gesagt, vorhin hatte in der Betriebszeitung die LAUBAG [Lausitzer Braunkohle AG] angekündigt, uns alle nach Hause zu schicken, planmäßig, und jeder in LA, in LAUBAG wusste es, das, so. Es gab keinen Grund, uns anzugreifen, so. Und der andere Punkt ist, sehr viele Arbeitskollegen, die mit uns zusammengearbeitet haben, wussten ganz genau, sogar über den Zeitpunkt wie die Einzelnen also fliegen sollten. Trotzdem waren diese Angriffe und ich glaube, das mit Sozialproblemen nichts zu tun, man versucht nur, das als Ausrede darzustellen, als Sündenbock. Aber das im Grunde hat, hat mit andere Probleme zu tun.“