Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft – die Perspektive eines Vertragsarbeiters

Gewalträume/Schutzräume

Exponatentyp
Filmdokumentation, Video
Datum
1991/92
Dauer
10:03 min

Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft – die Perspektive eines Vertragsarbeiters

Gewalträume/Schutzräume

In einer Art filmischem Gesprächsprotokoll erzählt Manuel Alexandre Nhacutou über sein Leben in der DDR und seine Wahrnehmung von Rassismus Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre. Nhacutou war 1983 als sogenannter ausländischer Werktätiger im Rahmen bilateraler Staatsverträge in die DDR eingereist. Die Filmdokumentation wird 1991 und 1992 produziert, und erscheint 1992. Anlass für die Produktion sind die Anschläge auf ein Wohnheim mosambikanischer Arbeiter in Hoyerswerda im September 1991.

Min: 00:17: Ankommen in der DDR
Min: 03:52: Proteste im Wohnheim
Min. 05:29: Sicht auf die rassistischen Angriffe auf das Wohnheim

 

 

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Allgemeine Informationen

Titel: Viele habe ich erkannt

Medienart: Dokumentarfilm

Realisation: Helmut Dietrich, Julia Oelkers, Lars Maibaum

Jahr: 1991/91

Gesamtänge: 25 Minuten

Besitzende Einrichtung: autofocus Videowerkstatt

Empfohlene Zitierweise: Helmut Dietrich, Julia Oelkers, Lars Maibaum: Viele habe ich erkannt. D 1992. Abgerufen unter: https://dut-ausstellung.de/source/rassismus-aus-der-mitte-der-gesellschaft-die-perspektive-eines-vertragsarbeiters-2/.

Quelle in der digitalen Sammlung der Thulb

Transkript

Ankommen in der DDR (Min. 00:17)

Manuel Alexandre Nhacutou: „Ja, also, ich bin, ich heiße Manuel Alexandre und ich bin 27 Jahre alt. Von Beruf bin ich Betriebsschlosser. Und ich bin seit 1983 hier. Also September 83 bin ich hier angekommen in der ehemaligen DDR. Und das war konkret in, in einem Braunkohlenkombinat, damals in Senftenberg, in Lauchhammer, Lauchhammer Süd, wo sehr bekannt, glaub ich, wegen Brikettsfabrik und so. Und dort habe ich gelebt und eine Berufsausbildung angefangen.

Ich muss sagen, dass die Arbeit sehr schwer war. Erst mal mit dem Deutsch sich auseinanderzusetzen, das war nicht so einfach. Und dann kam das Problem mit Leben überhaupt, wie man dort gelebt hat. Das war also kompliziert, schwierig und unerträglich.

Wir haben in eine, in eine Baracke gelebt, eine Holzbaracke. Das war, waren viele Baracke, also Betriebsbaracken, wo Verwaltungspersonalen gearbeitet haben. Und neben dessen haben wir gewohnt. Und in eine andere Baracke hatten wir Küche und also gemeinsam Räume, also das heißt Fernsehräume oder Unterhaltungsräume. Und dann, in diese Baracke waren wir also fast drei Mann in einem Zimmer. Da hatten wir einen Duschraum, und das war schwierig. Man konnte überhaupt nicht sich behaupten, also selber bestimmen. Erst mal von an, von Berufsausbildung her durfte nicht jeder bestimmen, was er machen wollte. Also man hat uns keine Chance gegeben, selber auszusuchen, was man später sein wollte. Und man hat geleben, also kontrolliert, fast wie Häftlinge. In diese Baracke waren vorne also Pförtner, die uns kontrolliert hatten.“

Interviewer: „Deutsche, oder?“

Manuel Alexandre Nhacutou: „Deutsche. Da durfte keine Ausländer arbeiten. Und in dieser Pforte, da war eine große Tafel und in dieser Tafel waren Bilder von uns. Also 44 Personen waren wir und jeder hatte sein Bild mit seine Nummer mit Kennzeichen und so. Und wenn jemand ausging, also Ausgang hätte, hatte, dann haben sie, haben die Pförtner diese, diese Bildern umgedreht. Dann wussten sie auf einmal also das ab wie, ab wie viel Uhr ist er raus und wenn er ankommt, musste er sich anmelden und dann wurden diese Bilder wieder umgedreht. Und wenn man besoffen kam, da gab es wieder Problem. Also in der erste Zeit, Alkohol war verboten. Also mit dem Mädchen zu gehen war automatisch auch verboten. Da wir also grundsätzlich keinen Ausgang haben, die ersten drei Monate überhaupt keinen Ausgang, nur Schule und Arbeit und wieder in diese Baracke rein gehen. Und die Versammlung haben, Betriebsleiter und Gruppenleiter was noch alles gab.“

Proteste im Wohnheim (Min. 03:52)

Manuel Alexandre Nhacutou: „Wir, wir haben mit Betriebsleitung gesprochen, weil ich vorhin sagte wegen Abfindungen und teilweise wegen Bergmannsgeld. Und wir haben fast wie eine Demonstration im Gebäude gemacht, da war der Personalleiter da …“

Interviewer: „Im Betrieb oder wo?“

Manuel Alexandre Nhacutou: „In, in Wohnheim, da ist der Personalleiter gekommen, dazu gekommen und die andere Leute nur Gruppenleitung dazu waren da und wir haben unser Geld verlangt. Und wir haben gesagt, weil einige Leute im Juni fliegen sollten, und wir haben gesagt, die Leute, die im Juni geflogen sind, haben auch das Recht, und wer im September wie wir fliegen sollten, auch, wir haben ebenfalls das Recht und ihr solltet das Geld uns auszahlen. Und Leute, die schon zu Hause sind, muss ja das Geld nach schicken. Und wir haben gesagt, wir fliegen nicht von hier weg, ehe das Geld da ist. Und dann am nächsten Tag dann, äh, waren die die Demonstrationen der Skinheads. Das war irgendwie, also komisch für uns. Aber na ja, wir haben, wir wollen hier niemanden beschuldigen, dass er schuldig ist wegen diese Demonstration, aber ebenfalls wir haben uns Gedanken drüber gemacht, dass wie, wie kamen zustande, dass wir ein Auseinandersetzung hatten mit Betriebsleitung wegen Geld und dann am nächsten Zeit, also am nächsten Tag, diese Demonstration gegen uns stattfand.“

Sicht auf die rassistischen Angriffe auf das Wohnheim (Min. 05:29)

Manuel Alexandre Nhacutou: „September 91 war ich nur in Hoyerswerda, als die Angriffe anfingen und musste ich noch arbeiten, aber konnte ich leider dann nicht mehr von Haus aus gehen, genauso wie alle anderen unserer Kollegen müssen wir im Heim bleiben und also unter Polizeischutz, die allerdings nur dann später gekommen ist.“

Jugendlicher: „Hey, ihr werdet [unverständlich]. In spätestens zwei Stunden fliegen hier die Steine rein [unverständlich].“

Jugendlicher: „Und du willst deutsch sein?“

Jugendlicher: „Macht eure Kamera aus, sonst komm ich rein! Macht se aus.“

Jugendlicher: „Ey, von welcher Firma seid ihr‘n überhaupt?“ [Glasbruch]

Manuel Alexandre Nhacutou: „Gesehen habe ich Massen Leute unten mit, also bewaffnet mit die Stöcke, mit Steine, mit Flaschen, mit Feuer, die also geworfen sind. Und wir waren natürlich ganz hoch. Die Leute, die in zweite bis dritte Stock gewohnt haben, mussten auch wegziehen und in neunte Stock wohnen, in sechste Stock. Und als die, die Krawalle anfingen, ich glaube, diese Krawalle hätten auch keine große Ausmaß, also, erreicht, wenn die Polizei gleichzeitig dazu was getan hat, hätte. Also als die Polizei kam, das waren zwei PKWs, die haben sich in eine Ecke gestellt und zugeguckt, wie wir mit den Skinheads unten, also, uns gewehrt haben. Also erste Tag haben, haben wir versucht, uns zu wehren.

Wir haben auch mit Steine mit Flaschen die Leute also vertrieben draußen und die, die, die liefen weg und die kamen wieder und das war fast ein Theater und mehrere Leute sind dazu verletzt worden. Die Situation hat sich zugespitzt, das heißt immer wieder kamen mehr Leute. Also ich glaube, die haben irgendwie Verstärkung geholt und, allerdings muss ich sagen, die Skinheads, die ich gesehen habe, waren sehr wenig. Aber die meisten Leute die da waren, waren unsere Nachbarn, also Leute, die mit uns zusammengearbeitet haben und Leute, die ebenfalls in Hoyerswerda wohnen. Also einfach Be, Bevölkerung und Jugendliche am meisten. Und die Eltern dann standen hinten und haben gebrüllt und dazu Hände geklatscht. Also die Jugendlichen Mut gemacht, dass sie weiter machen sollten.

Viele Leute habe ich erkannt, sogar Namen könnte ich jetzt nennen. Aber ich glaube, es ist ein [unverständlich], weil es zu viel waren, sonst würde ich hier bis morgen aufzählen. Aber der größte Teil, der waren unsere Nachbarn, unsere Arbeitskollegen und also viele Leute. Skinheads, die ich gesehen habe, waren, also mehr als 15 waren das nicht, also wenig, wenig. Von daher verstehe ich nicht, dass jemand als Ausrede sagen könnte, die Ausländerfeindlichkeit ist wegen der Arbeitslosigkeit. Denn wie gesagt, vorhin hatte in der Betriebszeitung die LAUBAG [Lausitzer Braunkohle AG] angekündigt, uns alle nach Hause zu schicken, planmäßig, und jeder in LA, in LAUBAG wusste es, das, so. Es gab keinen Grund, uns anzugreifen, so. Und der andere Punkt ist, sehr viele Arbeitskollegen, die mit uns zusammengearbeitet haben, wussten ganz genau, sogar über den Zeitpunkt wie die Einzelnen also fliegen sollten. Trotzdem waren diese Angriffe und ich glaube, das mit Sozialproblemen nichts zu tun, man versucht nur, das als Ausrede darzustellen, als Sündenbock. Aber das im Grunde hat, hat mit andere Probleme zu tun.“

Interpretationsvorschläge

Die DDR hatte in den 1970er Jahren begonnen, bilaterale Abkommen zu Anwerbung von Arbeiter:innen außerhalb Europas zu schließen. Zu diesen Staaten gehörten Algerien, Kuba, Mosambik und Vietnam. Das Abkommen mit Mosambik wurde 1979 unterzeichnet. Offiziell wurden die migrantischen Arbeiter:innen in der DDR „ausländische Werktätige“ genannt; zu Beginn der 1990er Jahre setzte sich der Begriff „Vertragsarbeiter“ durch. Die Arbeiter:innen sollten zunächst vier Jahre in der DDR arbeiten und in jenen Branchen tätig sein, in denen sie später auch in Mosambik eingesetzt werden würden. Die Arbeitsverträge mit den Betrieben wurden jedoch häufig verlängert, so dass viele Arbeiter:innen zum Zeitpunkt der staatlichen Vereinigung bereits zehn Jahre in der DDR gelebt hatten. Die Mehrheit der migrantischen Arbeiter:innen wurde bereits im Frühjahr 1990 seitens ihrer Betriebe entlassen. Im Sommer des Jahres wurde angekündigt, dass die Arbeiter:innen eine Art Entschädigungssumme und Rückkehrprämie erhalten sollten. Damit sollten die Arbeiter:innen frühzeitig zu einer Rückkehr in die Herkunftsstaaten motiviert werden.

Bereits für die 1970er und 1980er Jahre zeigen verschiedenen Quellen, dass migrantische Arbeiter:innen rassistischen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt waren. Zum Ende der 1980er Jahre nahm die Gewalt organisierter rechter Gewalttäter:innen zu. Im Umbruchjahr 1990 eskalierte die Gewalt an zahlreichen Orten und erreichte im Oktober 1990 einen ersten Höhepunkt.

Das filmdokumentarische Gespräch gehört zu den wenigen zeitgenössischen Quellen, in denen die Lebensbedingungen in der DDR, die rassistischen Anfeindungen und die rechten Gewaltangriffe in den beginnenden 1990er Jahren aus der Perspektive eines betroffenen Arbeiters dargestellt werden. Damit verschieben sich auch gängige Deutungen zur Migrationsgeschichte und zur Geschichte des Rassismus. So zeigt sich Nhacutou als selbstbewusster Mensch mit einer eigenen politischen Haltung, die er stark vertritt. Dass migrantische Arbeiter:innen nicht nur passiv zuschauten, wird anhand von zwei Aspekten deutlich: Zum einen kam es bereits vor den Angriffen auf das Wohnheim zu einer Auseinandersetzung mit dem Vorgesetzten. Die mosambikanischen Arbeiter:innen sahen sich ungerecht behandelt und protestierten dagegen. Zudem erzählt Nhacutou, dass er und die anderen Bewohner:innen versuchten, sich den Angreifern aktiv entgegenzustellen. Dazu hatten sie sich auch bewaffnet.

Interessant ist die Quelle auch dahingehend, dass sie weitere Aspekte sozialer Ungleichheit aufgreift. So mussten die Arbeiter:innen aus Mosambik die Hälfte ihres Lohnes abgeben, um die Staatsschulden ihres Landes abzuarbeiten. Mosambik hatte im Rahmen von Kooperationsprojekten mit der DDR immense Schulden aufnehmen müssen. Dieses Geld sollte mit den Löhnen der Arbeiter:innen in der DDR verrechnet werden. Offiziell sollten diese Gelder als Sozialleistungen (bspw. in Form von Renten) nach der Rückkehr ausgezahlt werden. Diese Gelder erhielten die Arbeiter:innen jedoch nie.

Weitere Ausstellungskategorien

Bildung Schwellen & Grenzen Träume & Albträume Wohnen

Quellenkritik

Die Gesamtlänge der Dokumentation beträgt 25 Minuten. Für die Website wurden vier Sequenzen ausgewählt. In der ersten Sequenz wird vom Ankommen in der DDR berichtet, in der zweiten von den Protesten im Wohnheim als Reaktion auf die Entlassungen und frühzeitigen Rückreisen der Arbeiter infolge der Auflösung der Staatsverträge. In der dritten Sequenz beschreibt Nhacutou seine Sicht auf die rassistischen Angriffe auf das Wohnheim. Seine Beobachtungen führt er in der vierten Sequenz aus. Nhacutou kritisierte, dass die Polizei zu spät eintraf und sich zunächst passiv verhielt. Unter den Zuschauenden vor dem Wohnheim erkannte er zudem zahlreiche Kollegen und „ganz normale“ Bürger der Stadt.

Das filmische Gesprächsprotokoll ist vor allem als ein Ego-Dokument einzuordnen. Das heißt, es wird eine sehr individuelle Perspektive deutlich. Die Lebenswirklichkeiten von Migrant:innen in der DDR waren sehr unterschiedlich. So waren Arbeiter:innen anders untergebracht als Studierende und politisch Verfolgte. Aber auch zwischen den migrantischen Arbeiter:innen selbst unterschied sich die Wahrnehmung der Wohn- und Arbeitsverhältnisse in der DDR. Manche empfanden die Wohnungen, in denen sie untergebracht wurden, als luxuriös. Die unterschiedliche Wahrnehmung hat verschiedene Ursachen: Einerseits waren die Wohnbedingungen abhängig vom lokalen Kontext. Diese unterschieden sich zum Teil sehr. Viele Arbeiter:innen wohnten im Gegensatz zu Nhacutou in einer der begehrten Neubauwohnungen. Vor allem jene, die in den Herkunftsstaaten unter schlechteren Bedingungen lebten, empfanden dies als Verbesserung. Andererseits waren auch die Erwartungen an den Aufenthalt in der DDR unterschiedlich. Vor allem viele der mosambikanischen Arbeiter:innen gingen davon aus, sie würden in der DDR studieren. Das dies nicht so war, sorgte bei einigen für Unmut. Was die Quelle zudem nicht beschreibt, ist die Vorgeschichte in Hoyerswerda. Bereits im Mai 1990 erhielt die Ausländerbeauftragte der DDR einen Brief einer Bürgerin aus Hoyerswerda, die rassistische Beleidigungen und Angriffe auf das Wohnheim der Arbeiter:innen beschrieb. An einem konkreten Ort wie Hoyerswerda konnte die Gewalt zunehmend eskalieren.