Sperrwohnung: „Das Recht, vernünftig zu wohnen“

Wohnen

Exponatentyp
Filmdokumentation, Video
Datum
1982
Dauer
07:03 min

Sperrwohnung: „Das Recht, vernünftig zu wohnen“

Wohnen

Der Film „Wohnungsprobleme 1982/83 – Dokument II“ stammt von Gerd Barz. Er produziert ihn 1982 als ersten Teil einer Filmreihe zum Thema ,Wohnen‘ für die Staatliche Filmdokumentation (SFD). Später wird der Film zu Teil zwei erklärt – möglicherweise, um so die Reihenfolge der Rezeption zu steuern. Wie alle SFD-Filme ist er nicht für öffentliche Vorführungen in der DDR bestimmt, sondern dient als Dokument für zukünftige Generationen. Die SFD bietet Filmemacher:innen die Möglichkeit, auch heikle und tabuisierte Themen zu dokumentieren.

Der Film zeigt die dreiköpfige Familie O. aus Berlin-Johannisthal. Sie erzählt, dass die Küche einsturzgefährdet ist und die Wohnung gesperrt wurde. Trotzdem will die Familie nicht in eine Neubauwohnung in Marzahn umziehen. Eine andere Wohnung wurde ihr nicht angeboten. Der Film wird anschließend archiviert, um zukünftigen Filmemacher:innen und Wissenschaftler:innen als Zeugnis der DDR zu dienen. Der Ausschnitt zeigt, welche eigenen Vorstellungen Menschen davon hatten, was „gutes Wohnen“ bedeutete und dass sie sich entsprechend eigenwillig verhielten. Der gesamte Film hat eine Länge von 59 Minuten.

Min. 00:00: Einführung/Beginn
Min. 00:49: Herr Karfuß, Mitarbeiter der Abt. „Wohnungspolitik“
Min. 02:11: Kochen bei Oma Erna
Min. 03:01: Marzahn wollen wir nicht
Min. 06:33: Recht auf „menschenwürdiges“ Wohnen

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Allgemeine Informationen

Titel: Dokumente zur Lebensweise. Wohnungsprobleme 1982/83 – Dokument II. Gesperrter Wohnraum.

Medienart: Dokumentarfilm

Regie: Gerd Barz

Jahr: 1982

Besitzende Einrichtung: Bundesarchiv-Filmarchiv

Gesamtlänge: 59:16 Minuten

Empfohlene Zitierweise: Dokumente zur Lebensweise. Wohnungsprobleme 1982/83 – Dokument II. Gesperrter Wohnraum. Bundesarchiv-Filmarchiv, Filmwerk ID: 6664, Signatur: 75125. Abgerufen unter: https://dut-ausstellung.de/source/sperrwohnung-das-recht-vernuenftig-zu-wohnen/.

Quelle in der digitalen Sammlung der Thulb

Gesamter Film zur Ansicht im Digitalen Lesesaal des Bundesarchivs: https://digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/6664/714501.

Transkript

Einführung/Beginn (Min. 00:00)

Herr O.: „Wir haben eine 2 ½-Zimmer-Wohnung und sind eigentlich sehr zufrieden mit der Wohnung. 72 Quadratmeter und natürlich Ofenheizung. Altbau-Wohnung, normale Altbau-Wohnung. Aber so sind wir sehr zufrieden. Die Wohnung musste gesperrt werden, da Wassereinbrüche bei uns in der Küche durchgekommen sind. Da das Dach und die Dachrinne nicht gemacht wurden jahrelang, ist das bei uns mit der Zeit durchgelaufen. Und nun kam der Kollege Karfuß hier vom Wohnungsamt und hat die Wohnung, also die Küche gesperrt, so dass wir eben hier ganz schön rumgerudert sind.“

Herr Karfuß, Mitarbeiter der Abt. „Wohnungspolitik“ (Min. 00:49)

Frau O.: „Naja vor allen Dingen, der große Schreck war ja, ich komme aus der Nachtschicht und da war die Decke runtergefallen. Und es hatte gegossen. Und ich ja in meiner Aufregung Kind in den Kindergarten geschafft und dann aber hin zum Herrn Karfuß: ,Frau [O.]‘, sagt er, ,ich komme um 14 Uhr zu Ihnen, ich sehe mir das an und dann werde ich weiter entscheiden.‘ Und er kam auch, pünktlich. Er hat sich dann eine Leiter geholt und hat dann da in der Decke da noch ein bisschen gewühlt. Und da ist ihm dann von dem ollen verfaulten Balken da noch was auf den Kopf gefallen.

Und da hat er gesagt, also sofort ausräumen und nicht kochen. Und hat uns dann, hat dann gesagt, also wir sollen morgen, also es war dann Freitag, zum Rathaus [kommen]. Und es liegt dann sein Bericht dort vor. Und dass wir so schnell wie möglich dort eben aus dieser Wohnung raus müssen, weil die Wohnung gesperrt ist. Ich habe gefragt: ,Na, wo soll ich denn kochen? Mein Mann arbeitet im Dreischichtsystem und ich mache Nachtschicht.‘ Na, da hat er gesagt, ob wir nicht eine nette Nachbarin hätten. Und die haben wir ja, Gott sei Dank. Und das haben wir nun gleich gemacht, noch am Donnerstag, die Küche ausgeräumt und alles auf den Korridor [gestellt]. Und da sind wir dann nachher, damit wir dann überhaupt in die Wohnstube kamen, sind wir dann über die Schränke gekrochen, weil ja unser Korridor sehr schmal ist.“

Kochen bei Oma Erna (Min. 02:11)

Frau O.: „Naja, und dann Töpfe rüber geschafft zu Oma Erna. Und dann ging das Gekoche dort los. Also das war doll: Hin mit dem Topf über den Flur zu Oma Erna, zurück mit dem Topf. Bloß wir haben ja nun mal einen anderen Rhythmus, weil das ja bedingt ist durch unsere Schichtarbeiten. Und die Frau ist 79 Jahre [alt] und wir können ja der Frau das nicht zumuten. Ich koche abends vor und so weiter. Und ich meine, sie ist sehr hilfsbereit und so. Bloß es ist ja schon selber einem peinlich, einer alten Dame abends noch spät auf die Nerven zu fallen. Die braucht ihre Ruhe. Und wir haben unsere Küche wieder eingeräumt. Und dann hören wir eben mal, ob es knackt im Gebälk und dann zischen wir eben raus auf den Korridor und warten, dass es denn nun einstürzt oder wie. Das ist uns jetzt egal.“

Marzahn wollen wir nicht (Min. 03:01)

Frau O.: „Naja, und dann kam die Kollegin Günther da aus dem, von dem Wohnungsamt: Lächelnd und hat gestrahlt und gesagt: ,Ich habe eine Wohnung in Marzahn.‘ Und da haben mein Mann und ich uns angeguckt und haben gesagt: ,Und die lehnen wir sofort ab.‘ Und das mussten wir dann auch unterschreiben. Das haben wir auch getan. Und da hat uns dann noch eine andere Kollegin, den Namen wissen wir nicht, die saß dann da in der Pelzjacke… Und die hat dann gesagt… Wir haben dann auch unsere Gründe gesagt: Dass wir Marzahn nicht nehmen, weil wir Johannisthaler sind, und eben mit der Arbeitsstelle, und dass wir es beide sehr nahe haben. Und da hat sie gesagt, na das wäre doch kein Problem, denn eine Arbeitsstelle könnte man ja auch wechseln. Na, Vater, sag Du doch mal was!“

Herr O.: „Hm, ja, natürlich! Ja, na das Problem jetzt ist… Erstmal bin ich hier groß geworden. Bin hier 1944 geboren, kenn‘ hier alle, hab eine schöne Kinderzeit hier und Jugendzeit verlebt. Hinzu kommt noch, dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr hier bei ,Sportsfreunde Johannisthal‘ Fußball spiele. Und daher auch die meisten hier kenne. Und da ist das ja nun auch nicht so einfach, Johannisthal da den Rücken zu kehren. Zumal hier alles auf der Ecke ist, viel Grünes ist und eben für die Freizeitgestaltung gesorgt ist – für uns, weil wir Naturfreunde sind oder weil wir naturliebend sind, und uns viel draußen beschäftigen.“

Frau O.: „Denn Marzahn, wissen Sie, ich weiß nicht, wir sind eigentlich für solche Klötzer nicht zu haben. Dieses kalte Beton, das grault einen ja schon an, wenn man es nur sieht. Und der Spielplatz mittendrin und kein Strauch. Ich meine, das wird ja mal in Jahren. Bloß so lange kann ich nicht warten. Ich weiß ja nicht, ob ich noch zehn Jahre oder 15 Jahre lebe, bis so ein Baum groß ist. Und das dauert ja zig Jährchen, nicht? Und da haben wir gesagt, na was sollen wir in Marzahn, wenn wir es hier so schön haben. Wir bleiben hier, hier haben wir es grün und brauchen dort nicht zu warten, bis das Grün da mal irgendwann sprießt.

Auf dem Wohnungsamt, wo wir nun laufend zu Besuch waren, sagen wir mal so, bald zu Hause… Ich habe fast täglich angerufen und der Name [O.] war da wahrscheinlich schon ein Begriff. So dass ich, hatte ich Frau Günther nicht am Apparat, dann eine andere Kollegin, die dann auch von diesem Problem Bescheid wusste und dann mir sagte: ,Moment warten Sie mal, ich gebe Ihnen Frau Günther.‘ Und sie sagte zu mir: ,Frau [O.]‘, sagt sie, ,wir haben nicht jeden leerstehenden Wohnraum gemeldet bekommen. Wenn Sie in Johannisthal irgendeine Wohnung leerstehend finden, melden Sie uns das und sollte ein Wohnraum Ihrer Größe entsprechen, bekommen Sie sofort diese Wohnung.‘

Ich habe ja meinen Nachtschlaf geopfert, um auf Wohnungssuche [zu gehen], habe Wohnungen gegeben und gemeldet. Bloß selber habe ich keinen Nutzen daraus gehabt. Und ich sehe das ja nicht ein, dass ich dem Wohnungsamt hier irgendwelche Wohnungen aufdecke, [die] durch Schluderei nicht frei sind oder, oder, oder die sie nicht wissen, dass die frei ist. Das interessiert mich nicht mehr und jetzt melde ich mich nicht mehr. Und wenn sie was von uns wollen, dann wissen sie ja unsere Adresse und bis jetzt hat sich nichts getan.“

Recht auf „menschenwürdiges“ Wohnen (Min. 06:33)

Herr O.: „Wir wollen ja keine Neubauwohnung haben. Aber dass wir da wenigstens eine Altbauwohnung, eine vernünftige kriegen, die unseren … na, wie sagt man …“

Frau O.: „… Bedürfnissen…“

Herr O.: „Bedürfnissen entspricht.“

Frau O.: „So. Naja…“

Herr O.: „… mit Ofenheizung und alles. Es kann ja alles so bleiben. Das ist ja nicht so schlimm. Bloß wir geben die Wohnung ja auf. Wir müssen die hier ja aufgeben, weil die ja hier gesperrt ist.“

Frau O.: „Wir wollen ja keine riesengroßen Ansprüche stellen. Bloß wir wollen… Menschenwürdig möchten wir wohnen. Denn wir müssen ja auch arbeiten und da haben wir ja auch das Recht, vernünftig zu wohnen.“

Interpretationsvorschläge

Eine zentrale Strategie der DDR-Medienpolitik war es, die Krisensymptome der 1970er und 1980er Jahre stets als zeitlich und räumlich begrenzte Einzelfälle darzustellen, die früher oder später behoben sein würden. Die fehlende Vergleichsmöglichkeit bei den individuellen Krisenerfahrungen erzeugte eine grundlegende Unsicherheit über die Frage, ob die im Alltag erlebten Probleme jeweils systemtypisch waren oder doch nur vorübergehende Einzelfälle.

Eben dies zu entscheiden, war eine wesentliche Aufgabe der Staatlichen Filmdokumentation (SFD). Die Filmgruppe am Staatlichen Filmarchiv der DDR sollte Zuschauer:innen der ferneren Zukunft eine möglichst systematische filmische Selbstdokumentation von Staat und Gesellschaft der DDR überliefern. Das Ministerium für Kultur hatte der Filmgruppe dafür das Privileg eingeräumt, auch negative, krisenhafte Erscheinungen in der DDR zu filmen. Die Einzelfälle, die von der SFD dokumentiert wurden, hatten daher von vornherein die Funktion, repräsentativ zu sein. So betont auch das Drehbuch zum Film „Wohnungsprobleme“, dass die hier dargestellten Wohnbedingungen „kein Sonderfall“ seien. Es handele sich vielmehr um „ein typisches Altbaugebiet mit überalterter Bausubstanz“.

Die Kritik in „Wohnungsprobleme“ richtet sich klar und deutlich auf den Wohnungsmangel, auf die Verwahrlosung und den Verfall der alten Häuser aus der Jahrhundertwende. Trotz ihrer unvorstellbar schlechten Wohnbedingungen erklären die Mieter:innen jedoch immer wieder, die ihnen angebotene Wohnung in Berlin-Marzahn hätten sie selbstverständlich abgelehnt. Frau O. sagt dazu im Film: „Denn Marzahn, wissen Sie, ich weiß nicht, wir sind eigentlich für solche Klötzer nicht zu haben. Dieses kalte Beton, das grault einen ja schon an, wenn man es nur sieht. […] Was sollen wir in Marzahn, wenn wir es hier so schön haben!“ Damit enthält der Film auch eine Kritik am DDR-Wohnungsbauprogramm, zu dessen Gunsten die Sanierung der Altbauten so vernachlässigt worden ist: Am Ende der DDR waren insgesamt knapp 2 Millionen Neubauwohnungen gebaut worden, aber nur etwa 470.000 Altbauwohnungen instandgesetzt.

Die Weigerung der Familie O., aus einer akut von Einsturz gefährdeten Wohnung aus- und in eine Neubauwohnung in Marzahn umzuziehen, begründet sie mit ihrer Identität als Johannisthaler. Im Filmausschnitt stellen Frau und Herr O. ziemlich selbstbewusst fest, dass sie aufgrund ihrer Arbeitsleistung ja auch „das Recht, vernünftig zu wohnen“ erworben hätten – und zwar entsprechend ihrer individuellen „Bedürfnisse“. Die propagierte kollektive Wohnweise in den nach ökonomischen Erfordernissen seriell gebauten Neubauvierteln wird im Bewusstsein ihrer eigenen Leistungen von Familie O. zurückgewiesen.

Weitere Ausstellungskategorien

Gewalträume/Schutzräume Träume & Albträume